Die selbe Scheiße jeden Tag

Fahrradstadt Kiel – ein Papiertiger. Maßnahmen nur dort, wo sie dem Autofan nicht wehtun.

Heute wird fast der gesamte urbane Raum (städtisches Gebiet) durch das Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor dominiert. Unsere Gesellschaft ist dem Auto verfallen und diese Sucht hat enorme Konsequenzen zur Folge. Manche dieser Konsequenzen sind ohne Zeitverzug sicht- und greifbar, andere treten erst postwendend nach Jahren, meist violent und unumkehrbar, zu Tage.

Mit Blech zugemüllte Stadtbilder und zeitweilige Dauerblockaden auf den Fahrbahnen. Jeden Tag erleben wir als Radfahrende, inzwischen innerlich mehr oder weniger von der allgemeinen Idiotie desillusioniert, wie sich Stoßstange an Stoßstange, nicht selten von EinzelfahrerInnen bewegt, im Berufsverkehr aneinander reihen und sich durch das städtische Gebiet dahinschleppen. Auf unseren Fahrrädern sind wir zudem oft noch zügiger unterwegs. Mein oft gedachter, zynischer Gedanke, dass der Mensch hinter dem Lenkrad ja nur das eine Auto vor und hinter sich sieht – sich die Lage für ihn also als gar nicht so schlimm darstellt – ist lediglich Hilfsinstrument, um nicht vollständig an der Beschränktheit dieser Menschen zu verzweifeln. Letztlich fragen wir uns doch alle: Wie kann es sein, dass sich autofahrende Menschen dieser Idiotie nicht bewusst werden?

Wir könnten so schlau sein

Heute können alle alles leichter erfahren, sofern wir die richtigen Werkzeuge dazu einsetzen. Wir könnten uns beispielsweise fragen: Würden viele Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht aus Bewegungsmangel und die daraus resultierenden Krankheiten wie Hypertonie etc. deutlich abnehmen, wenn wir mehr mit dem Fahrrad fahren würden? Würden dann die Menschen im Allgemeinen nicht gesünder, kräftiger, belastbarer und ausgeglichener sein? Könnten wir schwere Krankheiten wie Krebs, Lungenerkrankungen und Allergien verhindern, wenn wir weniger Autofahren würden? Diese Fragen werden aber von einer Überzahl der Mitglieder dieser Gesellschaft nicht gestellt oder beiseite geschoben und eine Gesellschaft, die sich solche Fragen nicht stellt, ist schwer krank.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Vorherrschaft des Autos entspringt zum einen aus einem gefühlten, angenommenen Nutzeffekt einer persönlichen Unabhängigkeit, welche es ermöglicht jederzeit, in einem für sich privaten, kleinen Raum, der das persönliche Bedürfnis nach Annehmlichkeit, Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Komfort und Vorzug zu erfüllen scheint, nahezu überall hin zu gelangen. Dies ist mit Blick auf die heutige Verkehrs- und Parkplatzsituation natürlich lächerlich.

Zum anderen, weil das Benutzen des Automobils die nachteiligen, aber vom Menschen nicht unbedingt als negative Seiten wahrgenommen Wesenszüge wie Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Passivität, Teilnahmslosigkeit und Trägheit protegiert und die daraus resultierenden, negativen Folgen für den Autofahrenden selbst, vor allem aber für seine Umwelt, ausgeblendet werden. Und das Ausblenden dieser Konsequenzen erscheint einfach, denn wie beim Rauchen sind die Folgen des negativen Handelns für den Autofahrenden nicht sofort spürbar, sondern wirken erst langfristig – wenngleich dann aber auch sehr üppig und häufig sehr massiv.

Illusionen über Illusionen

Betrachten wir den gefühlten Nutzeffekt des Autos etwas näher, so zeigt sich, dass dieser in den allermeisten Fällen auf Illusionen beruht. Der Prozentsatz der Menschen, welcher das Auto dazu benutzt, um spontan oder überhaupt längere Stecken zurückzulegen, ist verschwindend gering. Die allermeisten Fahrten mit dem Auto geschehen auf Kurz-Strecken, also auf Strecken, die auch spielend anders zurückgelegt werden könnten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist hierbei der Weg zur Arbeit – eine allseits beliebte Rechtfertigung für die eigene PKW-Nutzung: Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur belegt, dass ganze 24,6 Millionen der 30 Millionen pendelnden AutofahrerInnen ihren Arbeitsweg statt mit dem Auto beispielsweise auch mit dem E-Bike oder sogar mit dem Fahrrad zurücklegen könnten, da 82 Prozent der pendelnden Menschen einen Arbeitsweg von unter 25 Kilometern und jedeR Zweite sogar weniger als zehn Kilometer zur Arbeit fährt. Was also vielfach übrig bleibt, ist die eigene Bequemlichkeit

Alle Daumen runter

Freilich gibt es auch Fälle, in denen aus irgendwelchen Gründen auf ein Auto mit Verbrennungsmotor zurückgegriffen werden muss, aber auch dann braucht Vernunft nicht abgeschaltet sein: Warum muss Mensch 2 Tonnen Stahl, Glas und Kunststoff im SUV, Limousine oder Porsche bewegen, um 80 kg Mensch von A nach B zu fahren? Das möchte ich doch einmal sachlich erklärt bekommen! Ein solches Monstrum zu fahren kann vor dem Hintergrund der Klimarealitäten und gesundheitlichen Auswirkungen auf die Menschen der Umgebung weder Ausdruck eines »persönlichen Erfolges« noch »cool« sein, sondern ist vielmehr dissozialer Ausdruck infantilen Ungebildetseins und deshalb vollkommen uncool! Dies solltest du solchen Leuten auch eindeutig mit dem »Daumen runter« (oder einem Symbol deiner Wahl) signalisieren – und zwar jedes mal, wenn dir ein solch Ewiggestriger im öffentlichen Raum begegnet.

Verheerende Bilanz

Autofahrende müssen sich den Realitäten ihres Handelns stellen: All die bequemen, gleichgültigen Ignoranten, die nicht bereit sind, sich über nachhaltige Mobilität Gedanken zu machen und das Benutzen von Fahrrad, E-Bike, Bus- und Bahnen, das Bilden von Fahrgemeinschaften oder von mir aus auch den Umstieg auf ein Elektroauto ablehnen, penetrieren, schädigen und vergiften Kinder, Erwachsene (natürlich auch sich selbst) und die Umwelt mit Schwefeldioxid SO2, Kohlen(stoff)dioxid CO2 , Kohlen(stoff)monoxid CO, Stickoxide Nox, Benzol C6H6, Rußpartikel, Lärmemissionen. Es ist schier unglaublich, dass dies von dieser Gesellschaft als alternativlos akzeptiert wird!

Den urbanen Raum zurück erkämpfen – Vorbild Fahrradstadt Kiel?

Kiel soll nach dem Willen von Ulf Kämpfer Fahrradstadt Nummer 1 werden und mit verschiedenen Projekten (Velorouten, Campusräder, Kieler Bögen) wird zumindest scheinbar in Kiel stetig etwas für die Radfahrenden getan. All dies stellt in seiner Vielzahl allerdings nur kosmetischen Mumpitz dar. Wer öfter oder gar täglich vom Ostufer aufs Westufer oder umgekehrt unterwegs ist, kriegt (s)einen Horror auf Werft- und Schönberger Straße (hierzu habe ich bereits im letzten Jahr einen umfangreichen Artikel veröffentlicht). Aber auch im Innenstadtbereich finden wir den blanken Horror vor – insbesondere in den Hauptverkehrszeiten ist Radfahren auf den Fahrbahnen (und benutzungspflichtigen Radwegen) nicht selten ein Himmelfahrtskommando. Wie oft bin ich in der Herzog-Friedrich-Straße, Königsweg/Schülperbaum, rund um den Exerzierplatz »im Krieg« mit vollkommen überforderten KraftfahrzeuglenkerInnen, die sich in der Blechlawine gegenseitig blockieren.

Nein, Kiel ist in Sachen Fahrrad-Stadt nichts als ein Papiertiger, ein Maulheld. Wirklich entscheidende und progressive Projekte, wie beispielsweise den Umbau der Werft- und Schönberger Straße für eine schnelle Fahrt vom einen Stadtufer auf das andere oder das konsequente dichtmachen des gesamten Innenstadtbereichs für den Kraftfahrzeugverkehr, werden (vermutlich) nicht mal angedacht. Einige Städte haben dies trotz Riesen-Gejammers des Einzelhandels (die Jammern sowieso immer) durch gezogen – mit dem Ergebnis, dass die Innenstädte aufblühten, die Menschen sich in ihre Städte neu verliebten und auch der Einzelhandel kleinlaut zugeben musste, dass ihre ökonomischen Interessen gewahrt oder gar verbessert wurden. Und betrachten wir die anstehenden Fahrverbote aufgrund der regelmäßig überschrittenen Höchstwerte von Luftschadstoffen, setzt Kiel statt auf bewährte Methoden der Luftreinhaltung (weniger Verkehr, niedrigere Geschwindigkeiten) offenbar lieber auf unbewiesene Methoden wie Kohlendioxid-schluckende Fahrbahnbelege oder Mooswände. Wir werden nicht nur von Autokonzernen verarscht, die bewusst die Abgaswerte ihrer Scheiß-Karren manipulieren, sondern auch von den verantwortlichen in den Gremien und Parteien.

Aber auch der Zustand vieler Strecken ist in Kiel ein Graus. Viele benutzungspflichtige Radwege sind beispielsweise mit gefährlichen Revisionsdeckeln (mit zum Teil gefährlich herausragenden Kanten, an denen radelnder im stumpfen Winkel sich schön abpacken kann) übersät oder im Winter schlecht gestreut. Zwei Mal habe ich mich diesen Herbst/Winter bereits gehörig auf die Fresse gepackt – einmal im Ellerbeker Weg (keine Benutzungspflicht) und einmal auf der Klappbrücke, trotz sehr moderater Geschwindigkeit.

Fazit

Es bleibt uns nichts anderes übrig – wir müssen weiter Druck machen. Und zwar gehörig. Das heißt politisch und auch in der (direkten) Aktion, durch Präsenz! Betrachte ich meine eigenen Erlebnisse mit rücksichtslosen AutofahrerInnen, die lebensgefährlich für uns werden können, wird sicher noch so manches Teil durch die Gegend fliegen. Aber auch an einige radelnden GenossInnen möchte ich noch einen freundlichen Gruß senden – ich finde es ebenfalls nicht besonders lustig, in der Goethestraße mit unbeleuchteten Bikes zusammen zu knallen. Verdammt, so eine blinkende Klemmleuchte bekommt ihr für nen Euro im 1-Euro-Laden. Ach, und Jungs – bekloppte Rennen (wer ist der schnellste Radfahrer) bewerte ich ebenfalls eher als Kompensation für einen als zu klein wahrgenommenen, eigenen Pimmel. Lasst das mal und seid lieber cool.

Groningen: So macht man das!

Dieser Blick in die Niederlande zeigt (mal wieder), wie zurückgeblieben Deutschland (nicht nur) im Bezug auf nachhaltigen Verkehr und Stadtplanung ist. Von den Niederländern lernen, heißt sich weiter entwickeln. Groningen – Radverkehr ganzheitlich durchdacht und gefördert. Ergebnis: Lebenswerter urbaner Raum!

Kampf dem Mobbingstreifen

Das Ziel der Verkehrsplanung erscheint noch immer unverändert: Nur Menschen, die Fahrzeuge mit hoher kinetischer Energie (vulgo Kraftfahrzeuge) benutzen, wird das Recht gegeben, sich frei zu bewegen. Diskretionsabstände dürfen die »Minderwertigen« (Zweiradverkehr, Fußgänger) nicht erwarten, denn der »richtige« Verkehr muss ja fließen. Bordsteinkanten an jeder Einmündung/Kreuzung sind für starke Fahrzeuge unvorstellbar, für schwache dagegen alltägliches Ärgernis.

Suggerierung benutzungspflichtiger Radwege, um die Räder von der Straße zu bekommen. Nicht selten unter dem positiven Deckmäntelchen der Sicherheit. Foto: M.Stoß/G. Köpke
Suggerierung benutzungspflichtiger Radwege (Fehlen der Zeichen 237, 240 o. 241), um die Räder von der Straße zu bekommen, damit sie den priviligierten Verkehr nicht ausbremsen. Nicht selten unter dem positiv erscheinenden Deckmäntelchen der Sicherheit. Foto: M.Stoß/G. Köpke

Auto-, Erdöl-, Straßenbaukonzerne sind Mächte im Staat und wollen ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. Kunden kaufen aber immer nur das Produkt, von dem sie den höchsten Nutzen erhalten. Es müssen also gute Verkaufsargumente her, wie bspw. dass die Dauer des mit dem Kfz zurückgelegten Weges kürzer sein muss, als mit anderen Fortbewegungsmitteln. Um dieses Verkaufsargument auch in völlig überfüllten Städten weiter verwenden zu können, sind alle Mittel recht, um weiteren Raum für Kraftfahrzeuge zu schaffen – Platz, Bäume und Häuser werden geopfert und Fußgänger und Radfahrer stellen dabei einen Störfaktor dar.

In dieser Sichtweise ist der ›Radverkehr‹ ›Nicht-Verkehr‹ und wird als Hemmnis eingestuft und selbst dem ruhenden Verkehr noch untergeordnet. Er verursacht Zusatzkosten und verdrängt, da er selbst verdrängt wird, Fußgänger, indem Fahren auf Gehwegen von Politik, Verwaltung und Erziehung gefördert wird. In dem Wissen, dass Autofahrer ihr eingebautes Vorfahrtrecht verteidigen, werden beispielsweise benutzungspflichtige Radwege suggeriert, die überhaupt nicht benutzungspflichtig sind – wer sich als Radfahrer dann gar erdreistet, nach den Regeln der StVO auf der Fahrbahn (siehe unser Artikel zur Radwegbenutzungspflicht) zu fahren, wird gnadenlos vom autofahrenden Mob gemaßregelt und weggehupt. Indirekt wird sogar von der Politik zugegeben, dass diese »Mobbingstreifen« nicht dem Schutz dienen, sondern einzig und allein ein Zugeständnis an den zugesicherten Mehrwert der teuer erkauften Fahrzeuge sind.

Rechte einfordern

Wenn der Staat also Menschen, die gerne »des Deutschen liebstes Spielzeug« zur Fortbewegung gebrauchen, breite, glatte, hindernisfreie, gut gestaltete Flächen zur Verfügung stellt, so ist es nur Rechtens, dies im gleichen Maße für den Rest der Menschen auch zu tun. Dies gebietet der Art. 3 des Grundgesetzes (GG). In der Realität aber erhalten die restlichen Menschen nur ausreichend gute Flächen, wenn sie gerade keinen anderen Bedürfnissen im Wege stehen und etwas Geld übrig ist. Schon allein die für die Planung von Separationsflächen verwendeten Maße von Menschen verstoßen gegen Art. 1 des GG. Bei »beengten« Verhältnissen müssen 60 cm für Fußgänger und Radfahrer plus beidseitig je 10 cm »Schwankungsdifferenz« ausreichen. Diese Maße sind völlig praxisfern und entwürdigend. Schließlich sind nicht alle Menschen schlank, lassen ihre Arme eng anliegend am Körper und können ohne Schwanken das Gleichgewicht halten. Spätestens wenn Radfahrer »Blinken«, ragt ihr Arm in den Hoheitsbereich des MIV.

Wie können Gesetze konform mit dem Grundgesetz sein, die wenigen »privilegierten« Menschen das Recht einräumen, den größten Teil des öffentlichen Raums zu erhalten? Kindern werden enorme Flächen weggenommen und sie werden ihrer Persönlichkeitsentfaltung beraubt, nur um Wohnzimmer auf vier Rädern abzustellen. Fußgänger müssen im Gänsemarsch an lauten und mit giftigen Abgasen versehenen Straßen gehen, jeder Möglichkeit einer Unterhaltung beraubt – demzufolge vergeht die Lust am Gehen von ganz allein. Wohnlagen an stark frequentierten Straßen büßen an Wohnwert ein. Ein soziales Umfeld und die natürlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen und die Natur werden zerstört. Naherholungsgebiete schrumpfen zugunsten von Parkplätzen. Das Rauchen verletzt die Rechte anderer und wurde inzwischen per Gesetz eingeschränkt. Benzin, Diesel und Gas betriebene Fahrzeuge dürfen dagegen weiterhin mit ihren giftigen Abgasen das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzen.

Warum unterstützen Interessenvertretungen von Radfahrer mit ihrem Ruf nach immer neuen Radwegen die Autolobby? Einerseits unterstützt der ADFC Menschen, die gegen die Radwegbenutzungs- und Helmpflicht sind. Andererseits fordert er Radwege und Co. und setzt durch Veröffentlichungen von Bildern mit behelmten Menschen die unter Druck, die gegen die Helmpflicht sind.

Ist die Förderung des Autoverkehrs nicht genaugenommen ein Verbrechen an der Menschheit…?

Reclaim the streets!

Quelle: Aus dem lesenswerten Artikel ›Mobbingstreifen von Gabriele Köpke, erschienen im April 2014 auf fahrradzukunft.de