Reicht das?

2018. Was haben wir mit unserem Engagement (in unserer Sache) erreicht? Seit den 1980er Jahren sind Menschen für die Umwelt, und in unserem Falle für einen vernunftsorientierten Verkehr, aktiv. Aber wird heute in Kiel und ganz allgemein weniger Auto gefahren? Hat sich die Situation bei den Luftschadstoffen bzgl. der Stickoxide und der Feinstäube verbessert? Wird das Autofahren erschwert und gleichzeitig mehr für die Radinfrastruktur getan? Wird das Verkehrsverhalten den Klimaschutzzielen gerecht? Handeln die Menschen in Mobilitätsfragen ganz allgemein verantwortungsbewusster? Die Realität beantwortet alle Fragen gnadenlos mit »nein«. Wir kommen nicht weiter. Warum ist das so, obwohl wir doch alle so wahnsinnig aktiv sind?

Die Antwort (auf die letzte Frage) kann nur durch eine schonungslose Selbstkritik erfolgen. Die zentralen Fragen sind dabei: »Reicht das, was wir tun?« und »Für wen tun wir das, was wir tun, eigentlich?«

Diese Fragen waren bereits in einigen, an anderer Stelle von mir veröffentlichten Publikationen und in meinem letzten Buch Gegenstand meiner Betrachtungen. In diesem Blog mögen diese möglicherweise initial als »off topic« erscheinen, aber ich denke, sie sind es nicht. Und so habe ich nach einem vergangenen Gespräch in »meiner Philosophenrunde« auch lange überlegt, ob ich dieses Kernthema hier, an dieser Stelle einmal zum Objekt der Betrachtungen machen soll, denn natürlich können die substanziellen Punkte hier nur kurz und oberflächlich umrissen werden. Ferner können die Antworten durchaus im Bezug auf das eigene Engagement von manchem als provokant – mithin als ungerecht empfunden – wahrgenommen werden. Es wird unbequem und unangenehm, nichts desto trotz ist es wichtig, diese Sachverhalte aus- und anzusprechen, wenn wir wirklich weiter kommen wollen, denn das herumdoktern auf der Symptomebene lässt uns akinetisch in der eingangs beschriebenden Realität verharren: Nichts ändert sich grundlegend (zum Besseren)!

Ohne lange Umschweife komme ich zur Sache, bzw. zu den Antworten auf die beiden zuvor genannten Kernfragen:

1. Nein, das Engagement der allermeisten reicht nicht aus.
2. Das Engagement wird zudem für sich selbst durchgeführt.

Das Engagement der meisten ist deswegen nicht ausreichend, weil es die auslösende Sytemspezifik nicht einmal ansatzweise berührt. Also das, was für die Missstände verantwortlich ist. Und würden wir es nicht alle bereits jetzt ahnen – es geht um die Systemspzifik der hegemonialen Ökonomie, den Kapitalismus, welcher in den fundamentalen Grundprozessen auf Konkurrenz, statt auf Miteinander aufbaut und so die Menschen entscheidend (zum negativen) prägt. Diese als normal taxierten Abläufe des kapitalistischen Wirtschaftens mit seinen zunehmend dereguliert wirkenden Marktkräften und Privatisierungen, aber vor allem durch seine starken seduktiven Eigenschaften, verändern die Persönlichkeiten, die Seelen der Menschen, hin zum Konsumismus und zur Bequemlichkeit – nicht zur Vernunft, Verantwortlichkeit oder Empathie.

Die Geschichte zeigt, dass Ansätze, Ideen und Engagement, welches das Potenzial in sich trägt oder trug, hoffnungsvoll zu erscheinen, nach kurzer Zeit vom System okkupiert und anstatt eine echte Wende einzuleiten nur dazu benutzt wird, sich selbst innerhalb des kapitalistischen Systems (mit einer Marktlücke) zu platzieren (und es somit weiter zu zementieren). Ob »Upcycle«, »Bio- oder Vegan-Produkte« oder »Lasten-Bike-Lösungen« – alles landet letztlich auf dem kapitalistischen Markt auf dem, und das muss klar sein, es nicht darum geht die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern einzig der Umsetzung der Realisierung des Mehrwertes dient, also der Rückverwandlung der Waren in mehr Geld, als zuvor in die Herstellung dieser Waren investiert wurde. Seit den späten 1970er Jahren sind Menschen, die sich einst vorstellten, mit bewusstem Konsum die Welt verändern zu können (Ökologiebewegung), inzwischen längst von Marketingfachleuten als »Lohas« (Lifestyle of Health and Sustainability) ausgemacht und einsortiert. Der kapitalistische Markt sorgt dafür (freilich mit den üblichen kapitalistischen Produktionsbedingungen) ihnen das anzubieten, was dieser neue Konsumententyp verlangt – hochwertige und stylische Produkte wie nachhaltige Naturholz-Bungalows oder Biowasser mit drei Spritzern unbehandelter Zitrone etc.

Wir müssen erkennen – so wird das nichts: Der jahrelang anerzogene Glaube, dass irgendetwas (entscheidendes) innerhalb dieses Systems mit den Werkzeugen und Konstruktionen des Systems zum Besseren verändert werden kann, ist ein Hirngespennst. Mit viel Mühe können vielleicht kleine Anpassungen oder minimale Veränderungen erreicht werden (meist lokal oder auf bestimmte, kleine Gruppen beschränkt) – aber das System selbst, welches die immensen Schäden in Flora, Fauna und Mensch verursacht, bleibt unangetastet.

Das wissen oder ahnen zumindest die Meisten. Und so muss schlussendlich festgestellt werden – und wir kommen somit zum Punkt zwei – dass das eigene Engagement letztlich nichts anderes als eine Alibihandlung für das eigene Gewissen darstellt. Das mag hart klingen, ist aber so.

Um diese Welt in eine Welt zu verändern, in der irgendwann einmal Menschen leben, die von ganz allein, aus der Einsicht in die Notwendigkeit, aus sich heraus, das richtige tun (in unserem Falle mehr Rad fahren), müssen wir nämlich nicht irgendetwas, sondern das (grundlegend) Richtige tun – der Kapitalismus mit seinen (normalen) Konsequenzen muss überwunden werden. Es kann derbei natürlich nicht ausreichen, wenn Mensch sich alle vier Wochen zur Critical Mass trifft, aber nach der Fahrt wieder in das System zurückkehrt und neben der Arbeit an der eigenen Wirkung (auf andere) mit dem eigenen, persönlichen »Weg nach oben« (ob am Arbeitsplatz oder Hochschule) beschäftigt ist. Die einzige, wirksame Handlungsalternative zur Überwindung der vorherrschenden Verhältnisse (hin zur Vernunft) kann ausschließlich eine umfassende »Kultur der konsequenten Verweigerung« sein, in der jede Mitverantwortung und Mitarbeit für die ›Marktwirtschaft‹ verweigert wird, nur noch »Dienst nach Vorschrift« gemacht und der kapitalistische Betrieb sabotiert wird, wo immer das möglich ist. Alle vier Wochen mit dem Rad und gekühltem Bierchen durch die Stadt zu fahren, Bio-Produkte zu kaufen oder den Müll zu trennen, reicht leider nicht – so fühlen wir uns allemal etwas besser, weil wir ja etwas tun. Weniger Hipster, dafür mehr (echte) Tat – das wärs!

Wer sich jetzt herausgefordert fühlt, hat nicht verstanden, worum es in diesem Artikel geht. Wer diesen Artikel als Denkanstoß erkennt, hingegen schon.

Wir sehen uns auf der übernächsten Mass – im Mai bin ich auf Tour.