Critical Mass – die Illusion vom Widerstand

Dies ist mein letzter Artikel in diesem Blog. Nach drei Jahren Critical Mass, in denen naturgemäß auch mein persönlicher Entwicklungsprozess voran geschritten ist, komme ich zu dem Schluss, dass die Critical Mass, so wie sie hier (und überall) stattfindet, nicht meine Form von Aktion sein kann, da die Critical Mass in dieser Form keine Protestform darstellt. Denn um essenzielle Veränderung zu erwirken, bedarf es des Protestes und nicht des Events.

Bereits im Mai habe ich mich in meinem Artikel »Reicht das?« mit der Critical Mass kritisch auseinander gesetzt. Wir wissen seit rund 30 Jahren über den Klimawandel bescheid, wissen, dass jährlich hunderttausende Menschen in den Städten Europas durch die permanente Freisetzung gesundheitsschädlicher Abgase des Individualverkehrs frühzeitig zu Tode kommen, müssen in verlärmten und mit Blech zugemüllten Städten leben, engagieren uns hier und dort, reden uns den Mund fusselig und hoffen seit Jahren auf ein nachhaltiges, aus der Vernunft hervorgehendes Umdenken einer breiten Masse der Menschen. Was aber haben wir erreicht? Wird heute in Kiel und ganz allgemein weniger Auto gefahren? Hat sich die Situation bei den Luftschadstoffen bzgl. der Stickoxide und der Feinstäube verbessert? Wird das Autofahren erschwert und gleichzeitig mehr für die Radinfrastruktur getan? Wird das Verkehrsverhalten den Klimaschutzzielen gerecht? Handeln die Menschen in Mobilitätsfragen ganz allgemein verantwortungsbewusster? Die Realität beantwortet alle Fragen gnadenlos mit »nein«. Wir kommen nicht weiter aber irgendwie fragt sich kaum jemand ernsthaft, warum das so ist, obwohl wir doch alle so wahnsinnig aktiv sind. Oder ganz grundsätzlich – findet als Folge dieses »nicht weiter kommens« das Hinterfragen von Methoden statt? Fehlanzeige.

Wie gesagt, ich habe bereits darüber geschrieben und das nicht nur in diesem Blog und mein ernüchternder Befund war und ist, dass die Critical Mass (in dieser Form) das genaue Gegenteil der notwendigen Gegenmacht ist, die es braucht, um positive Veränderungen, wenn diese nicht aus der Vernunft und Einsicht selbst entspringen wollen, zu erzwingen. Die Critical Mass ist nichts als eine seichte Salon-Aktionsform, welche mittels der Oberflächlichkeiten der Kulturindustrie und des Event Marketings den Akteuren und Akteurinnen eine Illusion von Widerstand beschert – welcher aber kein Widerstand ist. Es ist letztlich nichts anderes als der Versuch, der uns allen permanent in der bürgerlichen Gesellschaft aufgezwungenen Erscheinungsform der Untertänigkeit, der Selbstverharmlosung und der Selbstinfantilisierung auch »im Protest« gerecht zu werden. So aber wird der (notwendige) Protest selbst entwertet, denn die PropagandistInnen der Critical Mass sagen nichts anderes als: »Wir sind ungefährlich«. Das ist keine Gegenmacht, das ist selbstgerechter Aktionismus, damit sich die Mitwirkenden besser fühlen können.

Das gleiche gilt für all die anderen zahnlosen und systemkonformen (Fahrrad)Initiativen mit ihren realitätsfernen und selbstverliebten Schwärmereien. Ein Zitat aus einer E-Mail an mich: »Viele haben es sicher schon bemerkt: Es bewegt sich was in Deutschland. In immer mehr Städten gründen sich Fahrradinitiativen, die Politik und Verwaltung dazu bewegen wollen, endlich die wichtigen Schritte für die Verkehrswende zu gehen und den Radverkehr zu stärken!«

Wo bitte schön bewegt sich wirklich etwas entscheidendes? Wo? Fahrverbote? Fehlanzeige. Autoverkehr freie Innenstadt? Genau wie zuvor, sogar noch schlimmer. Rückbau oder Veränderung von Fahrbahnen zu Fahrrad-Schnell-Routen? Hahaha. Erschwerung des Individualverkehrs? Öööhm. Kostenloser ÖPNV? Träumt weiter.

Nun, es ist ja schön, dass sich Initiativen gründen, aber wir müssen uns doch fragen, was bewirken diese denn letztlich? Die Realität ist, dass sich nichts von Bedeutung bewegt – außer, dass sich die PropagandistInnen besser fühlen, »weil sie ja etwas tun«. Seit 30 Jahren ist es das selbe Spiel und ein einziges Hoffen, dass diese Generation ja erfolgreicher sein wird. Es ist einfach nur traurig. Gut, es gibt vielleicht mal einen Fahrradweg hier und eine Veloroute dort, was dann auch gern als (persönlicher) Erfolg gefeiert wird – aber all dies sind durchweg Maßnahmen, die dem Individualverkehr, dem autofahrendem Individuum, dieser einzig an Gewinnen interessierten Wirtschaft, nicht wehtun! Das ist kein Erfolg Leute, das ist geschenkt! Denn das Entscheidende, das Grundsätzliche, das umzustrukturierende Verkehrssystem, ist noch genau so fern wie vor 30 Jahren – und es wird mit einem derartig zahnlosen Widerstand auch immer in der Ferne bleiben. Entscheidendes werden wir nur hinbekommen, wenn dieses Verkehrssystem (und seine sich darin behaglich suhlenden AutofahrerInnen) immer wieder in seinem reibungslosen Ablauf gestört wird. Solange dieses, auf das Auto zugeschnittene Verkehrssystem, zumindest noch einigermaßen flutscht, wird sich nichts ändern. Die Geschichte ist voll von ähnlichen Beispielen.

Der jahrelang anerzogene Glaube, dass irgendetwas (entscheidendes) innerhalb dieses Systems, mit den Werkzeugen und Konstruktionen des Systems, mittels braver Diskussionsforen und Initiativen zum wirklich nachhaltig Besseren verändert werden kann, ist ein Hirngespenst. Mit sehr viel Mühe und noch mehr Zeit können vielleicht kleine Anpassungen hier oder minimale Veränderungen dort erreicht werden – aber das System selbst, welches die immensen Schäden in Flora, Fauna und Mensch verursacht, bleibt unangetastet, es sei denn, das System selbst funktioniert nicht mehr oder ist dabei sich selbst unübersehbar und unvertuschbar zu zerstören (bspw. Waldsterben in den 1980er Jahren). Solange die Emissionstoten und die Folgen des Klimawandels aber verzögert, also in einigen Jahren erst stattfinden, ist an vernunftbasiertes Handeln nicht zu denken. Wer behauptet, dieses System (der Kapitalismus mit seinem Verwertungszwang) sei zu einer humanen, ökologischen Gesellschaft auf diesem seichten Wege »umzubauen«, ist naiv oder lügt. Auf dem kapitalistischen Markt geht es nämlich nicht darum, die Bedürfnisse der Menschen (nach sauberer Luft und ruhigen Innenstädten) zu befriedigen, sondern einzig und allein der Umsetzung der Realisierung des Mehrwertes. Und solange mit dem Auto viel Geld zu »verdienen« ist, werden die Lobbyverbände dafür sorgen, dass sich daran auch nichts grundlegendes ändert. Und uns muss klar sein, dass mit dem Auto und der dazugehörigen, gewaltigen Zulieferindustrie usw., immer deutlich mehr Geld gescheffelt werden kann, als mittels einer popeligen Fahrradindustrie.

All dies wissen oder ahnen zumindest die Meisten. Und so muss schlussendlich festgestellt werden, dass das eigene Engagement bei der Critical Mass letztlich nichts anderes als eine Alibihandlung für das eigene Gewissen darstellt. Das mag hart klingen, ist aber so.

Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, muss Druck ausgeübt werden. Ohne Druck, Kampf, Einsatz, Kraft und echtes Handeln wurde in diesem (kranken) System noch nie irgend eine Progression erlangt. Ob die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder auch ein anderes Beispiel, die »Gentrifizierung« – die Hafenstraße oder die Flora in Hamburg oder die Meierei in Kiel wären ohne entschlossenen Kampf keine Freiräume für die Menschen mehr, sondern Spekulationsobjekte für Investoren. Alles musste erkämpft werden. Alles. Alles! Hingegen alle vier Wochen, am Freitag Abend, zur verkehrsarmen Zeit auf der Critical Mass mit lauschiger Musik und kühlem Bierchen, fröhlich plaudernd für eineinhalb Stunden durch die Stadt zu fahren, ist aber nun mal kein Kampf und reicht, wie wir sehen, nicht aus, um Veränderungen herbei zu führen. Warum fahren wir nicht mal am Montag Morgen, zur Hauptverkehrszeit? Oder am Nachmittag? Weshalb treffen wir uns nicht jede Woche oder mehrmals die Woche, zu verschiedenen Zeiten? Warum werden wir nicht zu fiesen kleinen Mücken, die beharrlich zustechen und den ganzen (Scheiß)Laden immer wieder zum erliegen bringen?

Um wirklich ernst genommen zu werden und daraus resultierend etwas wirklich von Bedeutung zu erreichen, müss(t)en wir unbequem sein und den geschmeidigen Ablauf des Systems immer wieder blockieren, attackieren, verhindern. Aber eben dies wird nicht passieren, denn dazu bedarf es Menschen mit Rückgrat und Konfliktfähigkeit. Aber eben diese Konfliktfähigkeit ist heute den meisten komplett abhanden gekommen. Es wird sich hinter (anerzogenen) Losungen und den darin enthaltenden Ängsten versteckt wie: »Immer schön friedlich bleiben, bloß die anderen nicht belästigen – auch wenn hier richtig Ausrasten mal das einzig richtige wäre. Es könnte ja unbequem (für mich) werden.« Und so suhlen sich die allermeisten lieber in ihrer Hilflosigkeit und Gedankenlosigkeit in ihren simulierten, nachhaltig biologisch korrekten und selbstverliebten Aktionen, Initiativen und ach so originellen Kampagnen, feiern sich selbst und gestalten so ihre Freizeit, als sich wirklich einzubringen. Ach, wir sind ja so rebellisch…

Letztendlich muss sich jeder fragen, wie viel Mut, Energie und Kraft, wie viel Sehnsucht nicht in diesem System funktionieren zu müssen und mitschuldig zu sein, wie viel Schroffheit vorhanden ist und wie viel Ärger er oder sie bereit sind in Kauf zu nehmen, um gegen dieses System anzutreten. Schaue ich aber auf unsere junge Generation, sehe ich fast ausschließlich am eigenen Fortkommen im System interessierte, sich am jeweiligen Trend orientierende, dauergrinsende, vernetzte und vorgeblich kosmopolitische, vor allem aber angepasste und opportunistische junge Menschen, von denen kaum jemand die Motivation und/oder den Mut hat, sich wirklich für eine (wichtige) Sache einzusetzen – es könnte ihnen im Rattenrennen des Wettbewerbssystems mit seinem Verdrängungskampf um den besten Studienabschluss und die lukrativste Stelle ja schaden. So wird das alles nichts.

Und so sage ich adios! Sicher werde ich hier und da noch mal mitfahren und ausloten, ob nicht vielleicht doch noch progressive Veränderungen in der Mass möglich sind. Auch über Fahrradthemen werde ich weiter schreiben, aber nicht mehr in diesem Blog.

Erklärfilm: Verkehr in der Stadt

Weshalb wir mit der Critical Mass jeden Monat die Stadt neu zurückerobern…

Einfache Bilder, einfache Fakten – Erklärfilm auch für den reaktionärsten und lernresistentesten Auto-Afi­ci­o­na­do.


Quelle: Umweltbundesamt