Wir dürfen das

Alltag für RadfahrerInnen. Der motorisierte Verkehr nimmt sich einfach das Recht andere zu gefährden. Bildquelle: www.bitte-freimachen.de

RadfahrerInnen und FußgängerInnen werden – vor allem in den Städten – tagein tagaus mit parkenden Autos auf Ihren Wegen konfrontiert. Zugestellte Straßeneinmündungen sowie zugeparkte Radfahrstreifen und Radwege prägen das Bild im Straßenverkehr. Unzufriedenheit und Frust bei den betroffenen RadfahrerInnen und FußgängerInnen ist die Folge. Dies sind die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklimatests.

Dürfen die das? Nein, ihr dürft das nicht! Und diese Feststellung bezieht ihr Gewicht nicht in erster Linie aus den Paragraphen der StVO, sondern aus den grundlegenden Normen des sozialen Verhaltens gegenüber Mitmenschen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Niedersachsen und die Landesverkehrswacht haben daher die Aktion ›Bitte Freimachen‹ ins Leben gerufen. Mit Flyern im Postkartenformat sollen FalschparkerInnen auf Ihr Fehlverhalten hingewiesen werden. Laut ADFC werde dabei auf eine Belehrung mit dem erhobenen Zeigefinger bewusst verzichtet und ein positiver und aufklärender Hinweis soll für mehr Rücksicht und mehr verständnisvolles Miteinander im Straßenverkehr werben.

Daniel schreibt in seinem bekannten Blog dazu:

»Die Aktion ist durchaus gut gemeint und gibt Radfahrern wenigstens ein klitzkleines Mittel gegen Falschparker in die Hand. Und trotzdem zeugt sie von einer gewissen Hilflosigkeit und überdeckt das eigentliche Problem: Städte kommen ihren Pflichten bei der Verkehrsüberwachung nicht nach. Sie sind es nämlich, die Falschparker konsequent sanktionieren müssten. Postkarten werden bei den typischen »Nur mal kurz…«-Radwegparkern kein Verhalten ändern. Die fast lächerlich geringen deutschen Bußgelder allerdings auch nicht. Das wäre dann ein zweites eigentliches Problem. Geringe Kontrolldichte + niedrige Bußgelder = Falschparkerparadies Deutschland.«

Hier kann ich Daniel nur eines – nämlich zustimmen. Keine Frage, es gibt eine Menge Autofahrende, welche überlegt und sicherheitsbewusst ihre 1,5 Tonnen Stahl durch den Verkehr bewegen, durch den wir uns ohne Knautschzone durchackern. JedeR von uns macht jeden Tag hier oder dort solcherlei positive und erfreuliche Erfahrungen. Aber leider macht eben auch jedeR von uns Erfahrungen, die absolut gegensätzlich, nicht nur antisozial, sondern schlichtweg gefährdend, manchmal sogar lebensbedrohlich für uns bikende oder zu-Fuss-gehende sind. Wie lange noch?

Fazit

Es bleibt dabei: Wenn wir Radfahrende uns sicherer durch den urbanen Raum bewegen wollen, bedeutet dies fraglos, dass wir uns konsequent und mit Nachdruck für unsere Rechte (und Sicherheit) selbst stark machen müssen! Wie wir dabei erfolgreich vorgehen, habe ich hier beschrieben und wie so etwas dann konkret aussehen kann, kannst du hier lesen. Richtig, das erfordert sicherlich von dir ein bisschen »Arsch in der Hose«, aber es ist zum einen kein Hexenwerk und zum anderen lohnt es sich. Außerdem geht das Procedere von mal zu mal flotter von der Hand.

Letztlich muss uns allen klar sein, dass wir lernresistente Autofahrende nachhaltig nur erreichen, wenn Ordnungsämter und Polizei Hand in Hand über einen längeren Zeitraum konsequent gegen Radweg- und Falschparker vorgingen und zeigen, dass dieses Verhalten nicht geduldet wird. Dies gepaart mit empfindlicheren Strafen, würden das Problem in Windeseile beseitigen. Helfen wir dabei. Ich wünsche gute Jagd!

Welch Augenweide… Bye, bye, Assi!

Kampf dem Mobbingstreifen

Das Ziel der Verkehrsplanung erscheint noch immer unverändert: Nur Menschen, die Fahrzeuge mit hoher kinetischer Energie (vulgo Kraftfahrzeuge) benutzen, wird das Recht gegeben, sich frei zu bewegen. Diskretionsabstände dürfen die »Minderwertigen« (Zweiradverkehr, Fußgänger) nicht erwarten, denn der »richtige« Verkehr muss ja fließen. Bordsteinkanten an jeder Einmündung/Kreuzung sind für starke Fahrzeuge unvorstellbar, für schwache dagegen alltägliches Ärgernis.

Suggerierung benutzungspflichtiger Radwege, um die Räder von der Straße zu bekommen. Nicht selten unter dem positiven Deckmäntelchen der Sicherheit. Foto: M.Stoß/G. Köpke
Suggerierung benutzungspflichtiger Radwege (Fehlen der Zeichen 237, 240 o. 241), um die Räder von der Straße zu bekommen, damit sie den priviligierten Verkehr nicht ausbremsen. Nicht selten unter dem positiv erscheinenden Deckmäntelchen der Sicherheit. Foto: M.Stoß/G. Köpke

Auto-, Erdöl-, Straßenbaukonzerne sind Mächte im Staat und wollen ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. Kunden kaufen aber immer nur das Produkt, von dem sie den höchsten Nutzen erhalten. Es müssen also gute Verkaufsargumente her, wie bspw. dass die Dauer des mit dem Kfz zurückgelegten Weges kürzer sein muss, als mit anderen Fortbewegungsmitteln. Um dieses Verkaufsargument auch in völlig überfüllten Städten weiter verwenden zu können, sind alle Mittel recht, um weiteren Raum für Kraftfahrzeuge zu schaffen – Platz, Bäume und Häuser werden geopfert und Fußgänger und Radfahrer stellen dabei einen Störfaktor dar.

In dieser Sichtweise ist der ›Radverkehr‹ ›Nicht-Verkehr‹ und wird als Hemmnis eingestuft und selbst dem ruhenden Verkehr noch untergeordnet. Er verursacht Zusatzkosten und verdrängt, da er selbst verdrängt wird, Fußgänger, indem Fahren auf Gehwegen von Politik, Verwaltung und Erziehung gefördert wird. In dem Wissen, dass Autofahrer ihr eingebautes Vorfahrtrecht verteidigen, werden beispielsweise benutzungspflichtige Radwege suggeriert, die überhaupt nicht benutzungspflichtig sind – wer sich als Radfahrer dann gar erdreistet, nach den Regeln der StVO auf der Fahrbahn (siehe unser Artikel zur Radwegbenutzungspflicht) zu fahren, wird gnadenlos vom autofahrenden Mob gemaßregelt und weggehupt. Indirekt wird sogar von der Politik zugegeben, dass diese »Mobbingstreifen« nicht dem Schutz dienen, sondern einzig und allein ein Zugeständnis an den zugesicherten Mehrwert der teuer erkauften Fahrzeuge sind.

Rechte einfordern

Wenn der Staat also Menschen, die gerne »des Deutschen liebstes Spielzeug« zur Fortbewegung gebrauchen, breite, glatte, hindernisfreie, gut gestaltete Flächen zur Verfügung stellt, so ist es nur Rechtens, dies im gleichen Maße für den Rest der Menschen auch zu tun. Dies gebietet der Art. 3 des Grundgesetzes (GG). In der Realität aber erhalten die restlichen Menschen nur ausreichend gute Flächen, wenn sie gerade keinen anderen Bedürfnissen im Wege stehen und etwas Geld übrig ist. Schon allein die für die Planung von Separationsflächen verwendeten Maße von Menschen verstoßen gegen Art. 1 des GG. Bei »beengten« Verhältnissen müssen 60 cm für Fußgänger und Radfahrer plus beidseitig je 10 cm »Schwankungsdifferenz« ausreichen. Diese Maße sind völlig praxisfern und entwürdigend. Schließlich sind nicht alle Menschen schlank, lassen ihre Arme eng anliegend am Körper und können ohne Schwanken das Gleichgewicht halten. Spätestens wenn Radfahrer »Blinken«, ragt ihr Arm in den Hoheitsbereich des MIV.

Wie können Gesetze konform mit dem Grundgesetz sein, die wenigen »privilegierten« Menschen das Recht einräumen, den größten Teil des öffentlichen Raums zu erhalten? Kindern werden enorme Flächen weggenommen und sie werden ihrer Persönlichkeitsentfaltung beraubt, nur um Wohnzimmer auf vier Rädern abzustellen. Fußgänger müssen im Gänsemarsch an lauten und mit giftigen Abgasen versehenen Straßen gehen, jeder Möglichkeit einer Unterhaltung beraubt – demzufolge vergeht die Lust am Gehen von ganz allein. Wohnlagen an stark frequentierten Straßen büßen an Wohnwert ein. Ein soziales Umfeld und die natürlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen und die Natur werden zerstört. Naherholungsgebiete schrumpfen zugunsten von Parkplätzen. Das Rauchen verletzt die Rechte anderer und wurde inzwischen per Gesetz eingeschränkt. Benzin, Diesel und Gas betriebene Fahrzeuge dürfen dagegen weiterhin mit ihren giftigen Abgasen das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzen.

Warum unterstützen Interessenvertretungen von Radfahrer mit ihrem Ruf nach immer neuen Radwegen die Autolobby? Einerseits unterstützt der ADFC Menschen, die gegen die Radwegbenutzungs- und Helmpflicht sind. Andererseits fordert er Radwege und Co. und setzt durch Veröffentlichungen von Bildern mit behelmten Menschen die unter Druck, die gegen die Helmpflicht sind.

Ist die Förderung des Autoverkehrs nicht genaugenommen ein Verbrechen an der Menschheit…?

Reclaim the streets!

Quelle: Aus dem lesenswerten Artikel ›Mobbingstreifen von Gabriele Köpke, erschienen im April 2014 auf fahrradzukunft.de