Reicht das?

2018. Was haben wir mit unserem Engagement (in unserer Sache) erreicht? Seit den 1980er Jahren sind Menschen für die Umwelt, und in unserem Falle für einen vernunftsorientierten Verkehr, aktiv. Aber wird heute in Kiel und ganz allgemein weniger Auto gefahren? Hat sich die Situation bei den Luftschadstoffen bzgl. der Stickoxide und der Feinstäube verbessert? Wird das Autofahren erschwert und gleichzeitig mehr für die Radinfrastruktur getan? Wird das Verkehrsverhalten den Klimaschutzzielen gerecht? Handeln die Menschen in Mobilitätsfragen ganz allgemein verantwortungsbewusster? Die Realität beantwortet alle Fragen gnadenlos mit »nein«. Wir kommen nicht weiter. Warum ist das so, obwohl wir doch alle so wahnsinnig aktiv sind?

Die Antwort (auf die letzte Frage) kann nur durch eine schonungslose Selbstkritik erfolgen. Die zentralen Fragen sind dabei: »Reicht das, was wir tun?« und »Für wen tun wir das, was wir tun, eigentlich?«

Diese Fragen waren bereits in einigen, an anderer Stelle von mir veröffentlichten Publikationen und in meinem letzten Buch Gegenstand meiner Betrachtungen. In diesem Blog mögen diese möglicherweise initial als »off topic« erscheinen, aber ich denke, sie sind es nicht. Und so habe ich nach einem vergangenen Gespräch in »meiner Philosophenrunde« auch lange überlegt, ob ich dieses Kernthema hier, an dieser Stelle einmal zum Objekt der Betrachtungen machen soll, denn natürlich können die substanziellen Punkte hier nur kurz und oberflächlich umrissen werden. Ferner können die Antworten durchaus im Bezug auf das eigene Engagement von manchem als provokant – mithin als ungerecht empfunden – wahrgenommen werden. Es wird unbequem und unangenehm, nichts desto trotz ist es wichtig, diese Sachverhalte aus- und anzusprechen, wenn wir wirklich weiter kommen wollen, denn das herumdoktern auf der Symptomebene lässt uns akinetisch in der eingangs beschriebenden Realität verharren: Nichts ändert sich grundlegend (zum Besseren)!

Ohne lange Umschweife komme ich zur Sache, bzw. zu den Antworten auf die beiden zuvor genannten Kernfragen:

1. Nein, das Engagement der allermeisten reicht nicht aus.
2. Das Engagement wird zudem für sich selbst durchgeführt.

Das Engagement der meisten ist deswegen nicht ausreichend, weil es die auslösende Sytemspezifik nicht einmal ansatzweise berührt. Also das, was für die Missstände verantwortlich ist. Und würden wir es nicht alle bereits jetzt ahnen – es geht um die Systemspzifik der hegemonialen Ökonomie, den Kapitalismus, welcher in den fundamentalen Grundprozessen auf Konkurrenz, statt auf Miteinander aufbaut und so die Menschen entscheidend (zum negativen) prägt. Diese als normal taxierten Abläufe des kapitalistischen Wirtschaftens mit seinen zunehmend dereguliert wirkenden Marktkräften und Privatisierungen, aber vor allem durch seine starken seduktiven Eigenschaften, verändern die Persönlichkeiten, die Seelen der Menschen, hin zum Konsumismus und zur Bequemlichkeit – nicht zur Vernunft, Verantwortlichkeit oder Empathie.

Die Geschichte zeigt, dass Ansätze, Ideen und Engagement, welches das Potenzial in sich trägt oder trug, hoffnungsvoll zu erscheinen, nach kurzer Zeit vom System okkupiert und anstatt eine echte Wende einzuleiten nur dazu benutzt wird, sich selbst innerhalb des kapitalistischen Systems (mit einer Marktlücke) zu platzieren (und es somit weiter zu zementieren). Ob »Upcycle«, »Bio- oder Vegan-Produkte« oder »Lasten-Bike-Lösungen« – alles landet letztlich auf dem kapitalistischen Markt auf dem, und das muss klar sein, es nicht darum geht die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern einzig der Umsetzung der Realisierung des Mehrwertes dient, also der Rückverwandlung der Waren in mehr Geld, als zuvor in die Herstellung dieser Waren investiert wurde. Seit den späten 1970er Jahren sind Menschen, die sich einst vorstellten, mit bewusstem Konsum die Welt verändern zu können (Ökologiebewegung), inzwischen längst von Marketingfachleuten als »Lohas« (Lifestyle of Health and Sustainability) ausgemacht und einsortiert. Der kapitalistische Markt sorgt dafür (freilich mit den üblichen kapitalistischen Produktionsbedingungen) ihnen das anzubieten, was dieser neue Konsumententyp verlangt – hochwertige und stylische Produkte wie nachhaltige Naturholz-Bungalows oder Biowasser mit drei Spritzern unbehandelter Zitrone etc.

Wir müssen erkennen – so wird das nichts: Der jahrelang anerzogene Glaube, dass irgendetwas (entscheidendes) innerhalb dieses Systems mit den Werkzeugen und Konstruktionen des Systems zum Besseren verändert werden kann, ist ein Hirngespennst. Mit viel Mühe können vielleicht kleine Anpassungen oder minimale Veränderungen erreicht werden (meist lokal oder auf bestimmte, kleine Gruppen beschränkt) – aber das System selbst, welches die immensen Schäden in Flora, Fauna und Mensch verursacht, bleibt unangetastet.

Das wissen oder ahnen zumindest die Meisten. Und so muss schlussendlich festgestellt werden – und wir kommen somit zum Punkt zwei – dass das eigene Engagement letztlich nichts anderes als eine Alibihandlung für das eigene Gewissen darstellt. Das mag hart klingen, ist aber so.

Um diese Welt in eine Welt zu verändern, in der irgendwann einmal Menschen leben, die von ganz allein, aus der Einsicht in die Notwendigkeit, aus sich heraus, das richtige tun (in unserem Falle mehr Rad fahren), müssen wir nämlich nicht irgendetwas, sondern das (grundlegend) Richtige tun – der Kapitalismus mit seinen (normalen) Konsequenzen muss überwunden werden. Es kann derbei natürlich nicht ausreichen, wenn Mensch sich alle vier Wochen zur Critical Mass trifft, aber nach der Fahrt wieder in das System zurückkehrt und neben der Arbeit an der eigenen Wirkung (auf andere) mit dem eigenen, persönlichen »Weg nach oben« (ob am Arbeitsplatz oder Hochschule) beschäftigt ist. Die einzige, wirksame Handlungsalternative zur Überwindung der vorherrschenden Verhältnisse (hin zur Vernunft) kann ausschließlich eine umfassende »Kultur der konsequenten Verweigerung« sein, in der jede Mitverantwortung und Mitarbeit für die ›Marktwirtschaft‹ verweigert wird, nur noch »Dienst nach Vorschrift« gemacht und der kapitalistische Betrieb sabotiert wird, wo immer das möglich ist. Alle vier Wochen mit dem Rad und gekühltem Bierchen durch die Stadt zu fahren, Bio-Produkte zu kaufen oder den Müll zu trennen, reicht leider nicht – so fühlen wir uns allemal etwas besser, weil wir ja etwas tun. Weniger Hipster, dafür mehr (echte) Tat – das wärs!

Wer sich jetzt herausgefordert fühlt, hat nicht verstanden, worum es in diesem Artikel geht. Wer diesen Artikel als Denkanstoß erkennt, hingegen schon.

Wir sehen uns auf der übernächsten Mass – im Mai bin ich auf Tour.

Zeugen gesucht!

Ein Mitfahrender wurde auf dem Weg zur letzten CM von einem Autofahrer tätlich angegriffen. Es werden Zeugen gesucht! Zum Hergang:

Der Mitfahrende war auf der Kieler Bahnhofstraße auf dem Radweg unterwegs Richtung Treffpunkt. Der Radweg war (wie so häufig) durch Fahrzeuge zugeparkt. In diesem Fall allerdings ausnahmsweise nur einmal durch ein einzelnes Fahrzeug. Der Mitfahrende wollte keine Fußgänger gefährden, sodass er auf die Fahrbahn auswich (Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung!). Nach der Passage des falschparkenden Fahrzeuges wollte er diese als Beweismittel fotografieren, um anschließend die Polizei zu rufen. Es handelte sich um einen anthrazitfarbenen Mercedes Kombi mit dem Kennzeichen KI-CF 90, soweit er sich erinnert. Der Fahrer war ein rothaariger, bärtiger, bierbäuchiger Mann mit hellblauem Pullover, der dann aber ausstieg, den Mitfahrenden erst bepöbelte, dann jagte, ihn angriff und zwei Mal zu Boden geworfen hat. Er wollte die Angelegenheit – Zitat: »Wie ein richtiger Mann mit ihm klären«. Der Fahrer war in Begleitung einer blonden älteren Frau (seine Mutter) mit graubrauner Strickjacke. Die beiden haben versucht, ihm das Handy und Portemonnaie zu entreißen. Zum Glück ist der der Mitfahrende bei all dem nur leicht verletzt worden und sein Sachschaden am Fahrrad und Klamotten ist gering. Es waren einige Passanten zugegen, die, soweit ohne eigene Gefährdung möglich, die Situation zu deeskalieren versuchten. Als die Polizei dann eintraf, wurde durch den Mitfahrenden Anzeige erstattet und Strafantrag gestellt.

Es werden Zeugen gesucht! Denn natürlich hat der Typ bei der Polizei angegeben, dass der Mitfahrende, der vom Angreifer selbst als »schmächtiger Affe« beschrieben wird, den Mercedesfahrer und seine Mutter zuerst angegriffen hätte und hat sofort Gegenanzeige erstattet. Hier werden wirklich dringend Zeugen gesucht, denn durch diese (und sei sie noch so abwegig) Gegenanzeige werden ermutlich beide Verfahren nach zwei Briefen von der Polizei bzw. Staatsanwaltschaft eingestellt und solch ein Horst darf mit so was einfach nicht durchkommen. Solchen Neandertalern gehört wegen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Verbindung mit Körperverletzung und Sachbeschädigung der Lappen für ein paar Monate oder länger entzogen, damit die »Schwanzverlängerung für den richtigen Mann« mal ein bisschen Pause bekommt. Wer weiß, was solche Typen sonst noch damit auf öffentlichen Wegen so anstellen. Nicht zu fassen.

Wer helfen kann, schickt mir bitte eine E-Mail. Ich stelle dann die Verbindung umgehend her. 

Update vom 11. April, 9:20 Uhr:

  1. Die Beurteilung »schmächtiger Affe« stammte vom Angreifer und nicht vom Angegriffenen über sich selbst – das wurde im Text berichtigt.
  2. Hinzufügung eines Fotos über »kreative Gegenmaßnahmen«, um das (asoziale) Zuparken des Radwegs zu erschweren…
„Kreative Gegenmaßnahmen“. Asoziales Zuparken des Radwegs erschwert.

Januar: Alles coooool…

Viele LEDs, perfektes Corking – so kann es 2018 gern weitergehen. (Danke an Frank für das Bild!)

Ein neues Jahr, eine neue Chance den Verkehrswahnsinn, diese Idiotie aus Stau und Abgasen, zumindest innerstädtisch zu beseitigen. Wir, die Critical Mass, treten dafür ein.

Aufgrund der gezeigten Aggressivität einiger Autofahender gegen die Mitfahrenden der Mass bei der letzten Fahrt fuhr ich diesmal konsequent hinten. Es blieb aber diesmal (nahezu gespenstisch) ruhig und alles lief glatt – die Januar-Mass war ein wahres Refugium der Entspannung und gelassenen Coolness. Sicherlich ist das auch der recht stattlichen Anzahl von FahrerInnen zu verdanken, die diesmal am Start waren (75 wurden gezählt, andere zählten fast 100). Für eine Winter-Mass sehr ansehnlich. Nun, wie viele es auch letztlich genau waren, es zeigte sich deutlich, dass ab einer gewissen Menge an FahrerInnen der sich hinter der Mass befindliche Autoverkehr deutlich entspannter zeigt, als wenn nur 20 oder 30 Leutchen auf ihren Bikes unterwegs sind. Die Akzeptanz der Aktion ist dann offenbar höher. Ich schätze, dass das untere Minimum an FaherInnen 50 ist.

Sehr positiv fand ich, dass diesmal wieder sehr fleißig gecorkt wurde. Danke an alle CorkerInnen für die Sicherung des Zuges! Mir gefiel zudem, dass wir gegenseitig darauf achteten, die Abbiegespuren neben uns frei zu lassen (sofern wir gerade aus fuhren). Ebenfalls wurde immer wieder darauf geachtet, dass etwaig auftretende Lücken geschlossen wurden. Das alles fühlte sich wirklich gut an diesmal.

Gefreut habe ich mich besonders auch darüber, diesmal wieder neue Gesichter zu sichten und im Gespräch kennen zu lernen. Es ist schon spannend, was für Fragen sich stellen, wenn Mensch neu zur Critical Mass kommt – ich hatte schon fast vergessen, dass dies bei mir damals ja genau so war. Fein, es werden immer mehr….

Leute, so bleibt es mir jetzt zu schließen und zu sagen: Es war schön gestern! Wir sehen uns am 23. Februar?

Dezember: Kälte und viel, viel doof

Danke an Frank für das Bild (November-Fahrt)

Die letzte Fahrt des Jahres 2017 in Kiel ist gefahren. Erfreulich war, das es erneut um die 40 FahrerInnen schafften, ihre Figuren vom warmen Sofa raus aufs Fahrrad zu bewegen, um bei 0°C für eine vernunftbezogene, städtische Verkehrswende einzutreten. Sehr unerfreulich hingegen war, und für mich in dieser Konzentration nach zwei Jahren Critical Mass auch so noch nie erlebt, dass wir so viel Arroganz, Impertinenz, Anmaßung und (gefährliche) Respektlosigkeit von Seiten der motorisierten Verkehrsteilnehmer erleben mussten. Die hier zur Schau getragene, zum Teil für Leib und Leben der CM-Teilnehmenden lebensgefährliche Rotzigkeit dieser Asozialen, legitimiert nachträglich die von mir in meinem letzten Artikel gewählte Schärfe der Diktion. Es ist nicht nur richtig, sondern nötig, auch in der Zukunft solcherlei Dummdreistigkeit klar zu benennen und so gleichzeitig klare Kante zu zeigen.

Zur Fahrt an sich gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Sie verlief (prinzipiell) ruhig und entspannt. Worüber aber gesprochen werden muss, ist bereits in der Einleitung dieses Artikels deutlich geworden. Bevor ich aber loslege, ist es mir an dieser Stelle nocheinmal wichtig, allen Lesenden deutlich zu machen, dass ich weder die Critical Mass veranstalte, noch die in diesem Blog veröffentlichten Beiträge einen Anspruch der Allgemeingültigkeit »im Namen der Critical Mass« erheben (können)! Ich bin lediglich ein Teil vom Ganzen und berichte aus meiner Sicht von den Dingen rund um die Critical Mass! Alles klar? Dann kann es ja weiter gehen.

Was stimmt bei euch nicht?

Bei der gestrigen Fahrt wurde der Fahrrad-Verband der Critical Mass von Beginn an von dauerhupenden, sich gefährlich in den Verband eindrängelnden oder riskant schnell und dicht den Verband überholenden, pöbelnden, autofahrenden Delinquenten bedrängt, bedroht und gefährdet. »Das Auge des Gesetzes« hätte hier seine wahre Freude haben können – von der einfachen Ordnungswidrigkeit bis hin zum Straftatbestand (Mitfahrer wurden sogar aus einem Auto mit Reizgas besprüht – s. Nachtrag unten) war alles mehrfach vertreten. Mit den Einnahmen von Strafgeldern hätten wir der Polizei glatt ihr nächstes Betriebsfest finanzieren können.

Und in der Tat – diesmal haben sie wirklich alles gegeben, wobei mich dieser Typ (er war aber nur einer von Vielen), in seinem aufgemotzten Audi, samt obligat durch die eigene »Männlichkeit« zu beeindruckender, auf dem Beifahrersitz platzierter, junger (blonder) Frau (sorry Leute, das ist nicht sexistisch – das war tatsächlich so), am meisten »beeindruckte«. Nachdem ihm der Geifer anfing förmlich aus den Mundwinkeln zu tropfen, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich es mit jemanden zu tun habe, der gerade erst aufrecht gehen gelernt oder von den Bäumen gestiegen ist. Es gibt Menschen, die fordern den Führerschein für werdende Eltern, ich hingegen fordere endlich einen Kfz-Führerschein, in der nicht nur theoretisches Wissen und das praktische Bewegen von Kraftfahrzeugen abgefragt und geprüft, sondern auch begutachtet wird, ob mehr als drei Hirnzellen in den für soziales und vernünftiges Miteinander zuständigen Gehirnarealen vorhanden sind.

Das stellenweise vollkommen vernunftferne, zudem auch massiv-gefährliche Gebaren dieser pöbelnden und hupenden, sozialschwachen Witzfiguren, legt ein solch krankes Selbstverständnis darüber, wer was für sich beansprucht und in welcher Form dies durchgeboxt wird, vieler AutofahrerInnen offen, dass es höchste Zeit wird, hier massiv gegen zu lenken. Wenn Teile der Gesellschaft so derartig die Nerven verlieren und vollkommen durchdrehen, nur weil sich diese in ihrer »freien Fahrt für freie BürgerInnen« für einen kurzen Augenblick behindert fühlen (zur Abwechslung mal nicht durch sich selbst und ihre Autos, sondern von einem Fahrrad-Verband, der überdies nichts verbotenes tut!!), dann ist das (auch) Ausdruck der tiefen Krise, in der diese Gesellschaft inzwischen steckt. Das unser Gesellschaftssystem generell durchdringende und alles bestimmende Gegeneinander des Wettbewerbs bringt solche Verhaltensweisen konsequent hervor: Alles was Schwächer ist wird weggedrängt, wenn es der eigenen Freiheitsausübung im Wege steht. Der Philosoph John Hacker-Wright beschreibt ziemlich präzise diese, unsere (kapitalistische) Gesellschaftsordnung: »Eine Gesellschaft bösartiger Egoisten kann Kultur weder erwerben noch erhalten.«

Was tun?

Aber ich will nicht zu tief in soziologische und philosophische Bereiche vordringen. Fakt ist, wir müssen etwas tun. Mein Fazit kann nur sein, dass sich ein solches Verhalten auf keinen Fall durch fortdauerndes, kritik- und folgenloses hinnehmen und »sich gefallen lassen« selbst legitimieren darf! Hier müssen klare Grenzen und Widerstand aufgezeigt werden und es muss konsequent der gegen die Schwächeren gerichteten Gewalt – ob gegen uns Radfahrende oder Zufußgehende – entgegen getreten werden.

Klar ist aber auch, dass die Critical Mass hierzu nicht die optimale Veranstaltungsform ist, denn dazu fahren dort zu viele Menschen (darunter ja auch Kinder) mit, die nachgerade (und ausschließlich) friedlich für ihr Recht auf Teilhabe am öffentlichen Raum eintreten oder ganz einfach nur den Spaß am Radfahren durch ihre Stadt genießen wollen. Aber zum Glück sind die Charaktere der Fahrenden der Critical Mass so mannigfaltig, wie die offene Gesellschaft, für die wir alle eintreten – auch hier gibt es nicht wenige, die sich der Gewalt im Notfall ebenfalls mit Gewalt entgegenstellen. Das ist gut so und ich zähle mich ebenfalls dazu.

Aber auch fernab der wunderbaren Veranstaltung der Critical Mass, gibt es genügend Möglichkeiten, die Gewalt, welche von diesen Spinnern gegen Schwächere ausgeht, zu bändigen. Dazu möchte ich diejenigen ermuntern, die ebenso wie ich die Schnauze voll davon haben, dass FahrerInnen von Blechpanzern meinen, dass sie den von ihnen gefühlten Anspruch auf die Fahrbahnen – den sie überhaupt nicht haben – mit bloßer Gewalt ihrer Blechmassen durchdrücken zu können.

Abschließendes

Eine Anmerkung von mir zum technischen Ablauf der Fahrt – meiner Meinung nach ist es bei so wenigen Mitfahrenden wie gestern schon angezeigt, konsequent darauf zu achten, dass wir nur eine Fahrspur benutzen. Natürlich ist dies bei MitfahrerInnen-Zahlen jenseits der 100 schon rein technisch nicht mehr möglich, aber bei 40, 50 FahrerInnen, sollte dies machbar sein. Das wäre dann nicht nur 100%ig StVO-konform, sondern auch fair.

Und ein letzter Satz richtet sich an die KVG – erneut musste ich beobachten, dass Busse der KVG mit unvernünftig hoher Geschwindigkeit den Verband überholten. Die KVG sollte prinzipiell doch wie wir daran interessiert sein, eine Verkehrswende herbei zu führen. Das Gefährden von Teilnehmenden der Critical Mass ist dabei dann nur als Dummheit zu bewerten. Nur ein einziger Bus (entlang des Wall/Kaistraße), fuhr an diesem Abend bedacht und vorsichtig neben dem Verband her.

 Nachtrag vom 30. Dezember, 20:00 Uhr: 

Ich habe soeben eine E-Mail eines Teilnehmers der hier beschriebenen Fahrt erhalten. Er berichtet mir darin, dass er aus einem vorbeifahrenden Auto mit Reizgas attakiert worden ist! Ja, richtig gelesen. Es geschah kurz nach Beginn, nachdem wir den Bereich NDR/Schifffahrtsmuseum passiert hatten (das war dann ungefähr der Bereich, in der wir es mit dem von mir beschriebenen Affen in seinem Prolo-Audi zu tun hatten / Anmk. von mir). Die Reizgas-Attacke geschah offenbar, als den hinter uns hupenden Autos Platz gemacht wurde und diese dann den Zug überholten. Der vom Reizgas im Gesicht getroffene Fahrer konnte die Fahrt nicht fortsetzen und musste von Passanten in ein nahegelegens Restaurant verbracht werden, wo er sich seine Augen spülen konnte. Dieser Vorfall stellt somit die absolute Krönung dar und zeigt, dass hier jetzt Konsequenzen folgen müssen. Dazu einige Fragen an alle:

1. Gibt es noch weitere Betroffene, die auch besprüht worden sind?
2. Hat vielleicht jemand gefilmt/fotografiert und die vorbeikommenden Autos im Bild? (Der Angriff dürfte aus dem 3. Auto derer gekommen sein, welche uns in Höhe des Schloß nacheinander überholten)

Der Betroffene denkt darüber nach einen Strafantrag zu stellen. Bitte mich kontakten – ich leite die E-Mails an ihn weiter.

 Nachtrag vom 30. Dezember, 20:40 Uhr: 

Soeben melden sich zwei weitere betroffene Fahrer…

 Nachtrag vom 31. Dezember, 13:00 Uhr: 

Noch zwei weitere Geschädigte haben sich gemeldet. Zitat: »Ursprünglich dachte ich, dass es Scheibenwischwasser von einem Auto wäre, das mich da ansprüht. Meine Lippen haben kurz gebrannt, nix schlimmes… Am selben Abend war ich dann noch mit Freunden essen und habe mir eine Wimper aus dem Auge reiben wollen, woraufhin dieses ebenfalls sehr stark brannte und tränte.. Auswaschen probiert, war aber nicht möglich, ich konnte mir das nicht erklären, aber durch [Name von mir entfernt] bin ich ins grübeln gekommen… Meine Freundin klagte am nächsten Tag ebenfalls über brennende Augen beim verreiben. Alles was ich vom Auto noch weiß ist, dass es sich um einen grauen, zumindest dunklen VW Golf handelt.«

Gut, nun meine Fragen: Hat jemand diesen VW Golf ebenfalls bemerkt und sich vielleicht sogar das Kennzeichen gemerkt? Dann bitte unbedingt melden!

Der Herbst vertieft den Sommer

115 FahrerInnen fuhren die Oktober Critical Mass in Kiel. Es war dunkel und es kam daher eine Menge LED mit ans Rad. Wie immer fuhren Jung und Alt um die zwei Stunden durch Kiel. Joachim informierte mich per E-Mail, das er auf dem Kieler Blog ›Kiel Aktuell‹ einen Artikel zur Mass verfasst hat, den ich hier gern erwähne und verlinke. Die beiden Bilder stammen von Frank – vielen Dank dafür!

Die nächste Mass ist am 24. November. Vi ses!

Viel los im September

Leider konnte ich aufgrund Krankheit erneut nicht teilnehmen (Grrrr), aber die September-Zahlen sollten stimmen: Rund 240 Fahrerinnen und Fahrer fuhren die September Mass in Kiel. Das Wetter war hervorragend, wenn gleich es bereits zum Start um 19 Uhr dämmerte.

Ein besonderer Spaßvogel wurde diesmal in der Menge gesichtet – ein Typ mit nem Tranportfahrrad und einem Schild, auf dem geschrieben stand: »Critical Mass ist Nötigung«. Nun, so was buchen wir mal schmunzelnd unter »gesundem Volksempfinden« ab, denn natürlich ist die Critical Mass legal. Aber die Idee ist gar nicht mal so unwitzig und könnte uns dazu veranlassen, beim nächsten Mal auch Schilder zu tragen (obwohl die CM dann ja fast wie eine Demo aussehen könnte, was die CM ja bekanntlich nicht ist), auf denen beispielsweise geschrieben steht: »Autoabgase sind Nötigung« oder »Autostaus sind Nötigung« oder »KurzstreckenautofahrerInnen sind Nötigung« etc. Da fällt mensch ja eine Menge zu ein. Nun, wie auch immer – hier noch drei weitere Bilder mit Dank an Frank und an Lukas für die letzten fünf Bilder!

Eines der besagten Schilder, welches für verbreitetes Kopfschütteln sorgte.

Die nächste Fahrt ist am 27. Oktober! Vi ses!

Sie rollt und rollt und rollt…

Kurzer Halt in der Schlossstraße. Danke fürs Foto, Sandra! (Weitere Bilder am Ende des Artikels)

Und es ist kein Ende abzusehen. Das ist gut so. Die Juli-Critical Mass 2017 in Kiel ist gefahren. Genau, wie (nahezu) zeitgleich in dutzenden anderen Städten dieses Landes – vom Rest der Welt mal ganz abgesehen – haben sich hunderte bzw. tausende Menschen zusammen gefunden, um für eine großartige Sache einzutreten. Kein träges auf dem Sofa abhängen und highly important Comments posten – nein, raus und rauf aufs Bike und rein in die direkte Aktion! Ihr seid alle so was von großartig da draußen!

Was war?

Nachdem die Juni-CM ja so was von ins Wasser gefallen war, kamen diesmal (für mich und andere) überraschend etwas über 200 FahrerInnen zusammen. Und das, obwohl das Wetter im Vergleich zum Vormonat eigentlich nicht so wirklich besser war. Zu Beginn regnete es ebenfalls recht heftig, was sich aber zum Glück als einzelner Schauer erweisen sollte. Der Rest der Fahrt war dann zwar trocken, aber relativ kühl und fand durchweg unter bedecktem Himmel statt. Die Stimmung war dennoch super und wir hatten diesmal eine besonders groovy-Mischung: Viele Kinder, die Chopper waren endlich mal wieder mit dabei und insbesondere waren – für PassantInnen besonders nett anzusehen – viele witzige Rad-Typen (wozu die Chopper natürlich auch gehören) zu sehen. Die Hochräder sorgen hier immer wieder für Aufsehen. Ach ja – fast vergessen: Allen Soundrädern heißen Dank!

Die guten »Anderen«

Was lief so mit den anderen VerkehrsteilnehmerInnen? Hier möchte ich heute einmal ausdrücklich die KraftfahrzeuglenkerInnen für die aufgebrachte Geduld und vornehmlich vorsichtige Fahrweise in der Nähe des Verbandes loben! Ein solches vorbildliches Verhalten erleben wir nicht allzu oft – gerade im Bereich Westring, welcher von vielen Autofahrenden als Eigentum und allzu gern auch als Autobahn (da vierspurig) betrachtet wird, ist dies keine Selbstverständlichkeit. Vielen Dank dafür!

Die anderen »Anderen«

Mich persönlich stört es gewaltig, dass ich jetzt zum wiederholten Male feststellen musste, dass BussfahrerInnen der KVG sich dem Verband gegenüber sehr gefährlich verhalten haben, indem sie in den Verband einfuhren oder es versuchten – und dies mit manchmal beachtlicher Geschwindigkeit. Dies ist aus zweierlei Gründen ein unglaublicher Umstand – zum einen, ist die Masse eines Busses so groß, dass der oder die FahrerIn es nicht mal mitbekommen würde, wenn dieses Gefährt im hinteren Bereich einen Menschen vom Rad holt und überrollt. Und zum anderen, sollte gerade die KVG eine Verbundenheit mit uns erkennen, denn wir treten dafür ein, dass die Menschen aus ihren Karren raus kommen. Solche »UmsteigerInnen« fahren in der Regel dann nicht nur Rad, sondern auch immer wieder mal Bus.

Unter den Pkw gab es (selbstverständlich) zudem einige Knallköppe (unter anderem auch ein Fahrzeug der Malteser), die der Meinung waren, ihre Karossen als Waffe benutzen zu müssen, um es uns mal wieder so richtig zu zeigen. Die Glanzleistung vollbrachte allerdings der Typ in seinem VW Passat am Westring, Ecke Olshausenstraße. Dieser fuhr bereits extrem dicht mit immer wieder aufheulenden Motor hinter dem Verband her, um dann in eine Lücke vor zu stoßen und den Verband auf der Abbiegspur zur überholen. Dabei fuhr er ganz eindeutig vorsätzlich Schlangenlinien und benutzte exzessiv die Scheibenwaschanlage. Bei diesem Manöver hätte dieses Arschloch (Mensch muss die Dinge beim Namen nennen) fast eine Fahrerin vom Rad geholt.

Wer mich kennt, der weiß oder ahnt es zumindest, dass ich solcherlei Dinge selbst regle. Allerdings kann dies für die Sache und den Geist der Critical Mass hinderlich sein, denn wir sind zunächst einmal eine friedliche Gruppe, die nichts verbotenes macht. Daher werde ich in Zukunft die Fahrzeuge, die im Sinne § 315 (speziell § 315c) StGB u.a. auffällig werden und MitfahrerInnen gefährden, fotografieren und konsequent Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Kiel stellen. Die Zeit nehme ich mir sehr gern, zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Sta Kiel, gerade wenn es um Gefährdung geht und zudem auch noch Kinder im Verband mitfahren, tatsächlich mit Aufwand ermittelt. Des Weiteren werde ich die KVG schriftlich dazu auffordern, auf ihre verwirrten Heißsporne in den großen Roten einzuwirken.

Hier kann ich nur alle ermuntern, es mir gleich zu tun. Gern auch in Abstimmung mit mir.

Jeden Monat versuche ich ja einen größeren Beitrag zu veröffentlichen. Dieses mal wird es um genau solche Themen gehen und wie wir darauf reagieren könnten. Dazu habe ich bereits vor einigen Wochen Kontakt zum Kieler Ordnungsamt aufgenommen – dazu aber, wie gesagt, in den nächsten Tagen mehr. Aber: Da ich weiß, dass es hinten immer mal wieder aufgrund solcher Vorfälle hirnloser AutofahrerInnen brennt, fahre ich in der Regel eh meist hinten oder im hinteren Bereich. Klar ist für mich hierbei, dass ich bei aller Nachsicht in einer Situation, in der ein durchgeknallter Kfz-Lenker (und es sind fast immer Männer oder die, die es noch werden wollen) das Auto verlässt und eine Mitfahrende oder einen Mitfahrer tätlich angreift, ich dabei nicht tatenlos zuschauen werde. Hier ist meine Grenze dann erreicht.

Was noch?

Gerade im hinteren Bereich ist es dieses mal zu größeren Lücken gekommen. Einmal so groß, dass ich ehrlicherweise zugeben muss, dass das Ende der Mass nicht mehr zum Verband gehörte. Die Lücke war ausreichend, dass ein Pkw ohne uns zu gefährden links abbiegen konnte. Daran sollten wir arbeiten – Lücken schließen, den Verband zusammen halten. Dies dient der Sicherheit Aller.

Ansonsten – an alle noch mal einen heißen Dank für diese schöne Fahrt! Wir sehen uns am 25. August!

Danke an Sandra und Frank für die Bilder!