Critical Mass – die Illusion vom Widerstand

Dies ist mein letzter Artikel in diesem Blog. Nach drei Jahren Critical Mass, in denen naturgemäß auch mein persönlicher Entwicklungsprozess voran geschritten ist, komme ich zu dem Schluss, dass die Critical Mass, so wie sie hier (und überall) stattfindet, nicht meine Form von Aktion sein kann, da die Critical Mass in dieser Form keine Protestform darstellt. Denn um essenzielle Veränderung zu erwirken, bedarf es des Protestes und nicht des Events.

Bereits im Mai habe ich mich in meinem Artikel »Reicht das?« mit der Critical Mass kritisch auseinander gesetzt. Wir wissen seit rund 30 Jahren über den Klimawandel bescheid, wissen, dass jährlich hunderttausende Menschen in den Städten Europas durch die permanente Freisetzung gesundheitsschädlicher Abgase des Individualverkehrs frühzeitig zu Tode kommen, müssen in verlärmten und mit Blech zugemüllten Städten leben, engagieren uns hier und dort, reden uns den Mund fusselig und hoffen seit Jahren auf ein nachhaltiges, aus der Vernunft hervorgehendes Umdenken einer breiten Masse der Menschen. Was aber haben wir erreicht? Wird heute in Kiel und ganz allgemein weniger Auto gefahren? Hat sich die Situation bei den Luftschadstoffen bzgl. der Stickoxide und der Feinstäube verbessert? Wird das Autofahren erschwert und gleichzeitig mehr für die Radinfrastruktur getan? Wird das Verkehrsverhalten den Klimaschutzzielen gerecht? Handeln die Menschen in Mobilitätsfragen ganz allgemein verantwortungsbewusster? Die Realität beantwortet alle Fragen gnadenlos mit »nein«. Wir kommen nicht weiter aber irgendwie fragt sich kaum jemand ernsthaft, warum das so ist, obwohl wir doch alle so wahnsinnig aktiv sind. Oder ganz grundsätzlich – findet als Folge dieses »nicht weiter kommens« das Hinterfragen von Methoden statt? Fehlanzeige.

Wie gesagt, ich habe bereits darüber geschrieben und das nicht nur in diesem Blog und mein ernüchternder Befund war und ist, dass die Critical Mass (in dieser Form) das genaue Gegenteil der notwendigen Gegenmacht ist, die es braucht, um positive Veränderungen, wenn diese nicht aus der Vernunft und Einsicht selbst entspringen wollen, zu erzwingen. Die Critical Mass ist nichts als eine seichte Salon-Aktionsform, welche mittels der Oberflächlichkeiten der Kulturindustrie und des Event Marketings den Akteuren und Akteurinnen eine Illusion von Widerstand beschert – welcher aber kein Widerstand ist. Es ist letztlich nichts anderes als der Versuch, der uns allen permanent in der bürgerlichen Gesellschaft aufgezwungenen Erscheinungsform der Untertänigkeit, der Selbstverharmlosung und der Selbstinfantilisierung auch »im Protest« gerecht zu werden. So aber wird der (notwendige) Protest selbst entwertet, denn die PropagandistInnen der Critical Mass sagen nichts anderes als: »Wir sind ungefährlich«. Das ist keine Gegenmacht, das ist selbstgerechter Aktionismus, damit sich die Mitwirkenden besser fühlen können.

Das gleiche gilt für all die anderen zahnlosen und systemkonformen (Fahrrad)Initiativen mit ihren realitätsfernen und selbstverliebten Schwärmereien. Ein Zitat aus einer E-Mail an mich: »Viele haben es sicher schon bemerkt: Es bewegt sich was in Deutschland. In immer mehr Städten gründen sich Fahrradinitiativen, die Politik und Verwaltung dazu bewegen wollen, endlich die wichtigen Schritte für die Verkehrswende zu gehen und den Radverkehr zu stärken!«

Wo bitte schön bewegt sich wirklich etwas entscheidendes? Wo? Fahrverbote? Fehlanzeige. Autoverkehr freie Innenstadt? Genau wie zuvor, sogar noch schlimmer. Rückbau oder Veränderung von Fahrbahnen zu Fahrrad-Schnell-Routen? Hahaha. Erschwerung des Individualverkehrs? Öööhm. Kostenloser ÖPNV? Träumt weiter.

Nun, es ist ja schön, dass sich Initiativen gründen, aber wir müssen uns doch fragen, was bewirken diese denn letztlich? Die Realität ist, dass sich nichts von Bedeutung bewegt – außer, dass sich die PropagandistInnen besser fühlen, »weil sie ja etwas tun«. Seit 30 Jahren ist es das selbe Spiel und ein einziges Hoffen, dass diese Generation ja erfolgreicher sein wird. Es ist einfach nur traurig. Gut, es gibt vielleicht mal einen Fahrradweg hier und eine Veloroute dort, was dann auch gern als (persönlicher) Erfolg gefeiert wird – aber all dies sind durchweg Maßnahmen, die dem Individualverkehr, dem autofahrendem Individuum, dieser einzig an Gewinnen interessierten Wirtschaft, nicht wehtun! Das ist kein Erfolg Leute, das ist geschenkt! Denn das Entscheidende, das Grundsätzliche, das umzustrukturierende Verkehrssystem, ist noch genau so fern wie vor 30 Jahren – und es wird mit einem derartig zahnlosen Widerstand auch immer in der Ferne bleiben. Entscheidendes werden wir nur hinbekommen, wenn dieses Verkehrssystem (und seine sich darin behaglich suhlenden AutofahrerInnen) immer wieder in seinem reibungslosen Ablauf gestört wird. Solange dieses, auf das Auto zugeschnittene Verkehrssystem, zumindest noch einigermaßen flutscht, wird sich nichts ändern. Die Geschichte ist voll von ähnlichen Beispielen.

Der jahrelang anerzogene Glaube, dass irgendetwas (entscheidendes) innerhalb dieses Systems, mit den Werkzeugen und Konstruktionen des Systems, mittels braver Diskussionsforen und Initiativen zum wirklich nachhaltig Besseren verändert werden kann, ist ein Hirngespenst. Mit sehr viel Mühe und noch mehr Zeit können vielleicht kleine Anpassungen hier oder minimale Veränderungen dort erreicht werden – aber das System selbst, welches die immensen Schäden in Flora, Fauna und Mensch verursacht, bleibt unangetastet, es sei denn, das System selbst funktioniert nicht mehr oder ist dabei sich selbst unübersehbar und unvertuschbar zu zerstören (bspw. Waldsterben in den 1980er Jahren). Solange die Emissionstoten und die Folgen des Klimawandels aber verzögert, also in einigen Jahren erst stattfinden, ist an vernunftbasiertes Handeln nicht zu denken. Wer behauptet, dieses System (der Kapitalismus mit seinem Verwertungszwang) sei zu einer humanen, ökologischen Gesellschaft auf diesem seichten Wege »umzubauen«, ist naiv oder lügt. Auf dem kapitalistischen Markt geht es nämlich nicht darum, die Bedürfnisse der Menschen (nach sauberer Luft und ruhigen Innenstädten) zu befriedigen, sondern einzig und allein der Umsetzung der Realisierung des Mehrwertes. Und solange mit dem Auto viel Geld zu »verdienen« ist, werden die Lobbyverbände dafür sorgen, dass sich daran auch nichts grundlegendes ändert. Und uns muss klar sein, dass mit dem Auto und der dazugehörigen, gewaltigen Zulieferindustrie usw., immer deutlich mehr Geld gescheffelt werden kann, als mittels einer popeligen Fahrradindustrie.

All dies wissen oder ahnen zumindest die Meisten. Und so muss schlussendlich festgestellt werden, dass das eigene Engagement bei der Critical Mass letztlich nichts anderes als eine Alibihandlung für das eigene Gewissen darstellt. Das mag hart klingen, ist aber so.

Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, muss Druck ausgeübt werden. Ohne Druck, Kampf, Einsatz, Kraft und echtes Handeln wurde in diesem (kranken) System noch nie irgend eine Progression erlangt. Ein schönes Beispiel dafür ist die Gentrifizierung – die Hafenstraße oder die Flora in Hamburg oder die Meierei in Kiel wären ohne entschlossenen Kampf keine Freiräume für die Menschen mehr, sondern Spekulationsobjekte für Investoren. Alles musste erkämpft werden. Alles. Alles! Hingegen alle vier Wochen, am Freitag Abend, zur verkehrsarmen Zeit auf der Critical Mass mit lauschiger Musik und kühlem Bierchen, fröhlich plaudernd für eineinhalb Stunden durch die Stadt zu fahren, ist aber nun mal kein Kampf und reicht, wie wir sehen, nicht aus, um Veränderungen herbei zu führen. Warum fahren wir nicht mal am Montag Morgen, zur Hauptverkehrszeit? Oder am Nachmittag? Weshalb treffen wir uns nicht jede Woche oder mehrmals die Woche, zu verschiedenen Zeiten? Warum werden wir nicht zu fiesen kleinen Mücken, die beharrlich zustechen und den ganzen (Scheiß)Laden immer wieder zum erliegen bringen?

Um wirklich ernst genommen zu werden und daraus resultierend etwas wirklich von Bedeutung zu erreichen, müss(t)en wir unbequem sein und den geschmeidigen Ablauf des Systems immer wieder blockieren, attackieren, verhindern. Aber eben dies wird nicht passieren, denn dazu bedarf es Menschen mit Rückgrat und Konfliktfähigkeit. Aber eben diese Konfliktfähigkeit ist heute den meisten komplett abhanden gekommen. Es wird sich hinter (anerzogenen) Losungen und den darin enthaltenden Ängsten versteckt wie: »Immer schön friedlich bleiben, bloß die anderen nicht belästigen – auch wenn hier richtig Ausrasten mal das einzig richtige wäre. Es könnte ja unbequem (für mich) werden.« Und so suhlen sich die allermeisten lieber in ihrer Hilflosigkeit und Gedankenlosigkeit in ihren simulierten, nachhaltig biologisch korrekten und selbstverliebten Aktionen, Initiativen und ach so originellen Kampagnen, feiern sich selbst und gestalten so ihre Freizeit, als sich wirklich einzubringen. Ach, wir sind ja so rebellisch…

Letztendlich muss sich jeder fragen, wie viel Mut, Energie und Kraft, wie viel Sehnsucht nicht in diesem System funktionieren zu müssen und mitschuldig zu sein, wie viel Schroffheit vorhanden ist und wie viel Ärger er oder sie bereit sind in Kauf zu nehmen, um gegen dieses System anzutreten. Schaue ich aber auf unsere junge Generation, sehe ich fast ausschließlich am eigenen Fortkommen im System interessierte, sich am jeweiligen Trend orientierende, dauergrinsende, vernetzte und vorgeblich kosmopolitische, vor allem aber angepasste und opportunistische junge Menschen, von denen kaum jemand die Motivation und/oder den Mut hat, sich wirklich für eine (wichtige) Sache einzusetzen – es könnte ihnen im Rattenrennen des Wettbewerbssystems mit seinem Verdrängungskampf um den besten Studienabschluss und die lukrativste Stelle ja schaden. So wird das alles nichts.

Und so sage ich adios! Sicher werde ich hier und da noch mal mitfahren und ausloten, ob nicht vielleicht doch noch progressive Veränderungen in der Mass möglich sind. Auch über Fahrradthemen werde ich weiter schreiben, aber nicht mehr in diesem Blog.

Ig­no­ran­ten­tum auf vier Rädern

Das kann doch nicht so schwer sein, oder doch? ›Fahrradschutzstreifen‹, auch »Angebotsstreifen« genannt, sind von der Fahrbahn durch eine unterbrochene Linie abgetrennte, zumeist schmale Streifen am rechten Fahrbahnrand, die mit Fahrradsymbolen gekennzeichnet sind und die Aufgabe haben, Fahrradfahrende zu schützen, indem ihnen verlässlich ein sicherer, freier Raum zur Verfügung gestellt wird. Autos und andere »Nichtfahrräder« haben auf dem Fahrradschutzstreifen nur dann etwas zu suchen, wenn sie dem Gegenverkehr ausweichen müssen – sonst haben sie auf dem Schutzstreifen verdammt noch mal nichts verloren. Geht das nicht in eure Schädel?

Über dieses Thema habe ich bereits geschrieben, ja, sogar als festes Thema hat es seinen Platz im Blog gefunden – dennoch gibt es hier und jetzt noch einen weiteren Artikel. Da ich mich aber bereits lang und breit über die Rechtelage und die Gründe, weshalb der Fahrradschutzstreifen vom Kraftverkehr auch bei vermeintlich, bzw. angenommenem, freien Schutzstreifen unbedingt nicht befahren werden sollte, im Thema Fahrradschutzstreifen ausgelassen habe, will ich hier nur ein paar Bilder posten. Sie zeigen eindrucksvoll das Desinteresse und das innere Unbeteiligtsein (vieler) motorisierter VerkehrsteilnehmerInnen. Die Fotos entstanden auf dem Ellerbeker Weg, als ich diesen (zu meiner Schande) mit dem Auto befuhr. Auf einer Strecke von nur etwa 500 Metern! Aber auch mit dem Rad befahre ich den Ellerbeker Weg des öfteren und gerade hier ist mir schon oft aufgefallen, dass etwa 95 Prozent, aller Fahrzeuge gnadenlos über den Fahrradschutzstreifen drüber bügeln. Unglaublich.

Aber nicht nur das. Wenn ich bspw. mit dem Auto den Ellerbeker Weg befahre, versuche ich gerade an dieser Stelle grundsätzlich mit gutem Beispiel voran zu fahren – aus guten Gründen befahre ich den Schutzstreifen nie. Die Fahrzeuge vor und hinter mir können dann wunderschön sehen, dass immer ausreichend Platz für den Gegenverkehr auf der Fahrbahn übrig bleibt, ja, sogar wenn ein LKW oder Bus von vorn kommt. Und wenn doch mal ein entgegenkommendes Fahrzeug zu weit in der Fahrbahnmitte fährt, ziehen die immer nach rechts, sobald sie erkennen, dass ein Fahrzeug entgegen kommt. Nun, aber deutsche Autofahrende lassen sich nicht gängeln – schließlich sitzt unverrückbar in den Köpfen die freie Fahrt für freie (Kraftfahrzeug) BürgerInnen verankert. Das bedeutet in diesen (Hohl)Köpfen konkret, dass die Fahrbahn dem Auto gehört – Räder haben hier nix zu suchen. Und wenn diese dann sehen, dass so ein Typ wie ich den Schutzstreifen mit dem Auto mal eben nicht befährt, fahren diese absichtlich ganz nach rechts rüber – ganz so, als wollten sie mir sagen und zeigen: »Hey, du Freak, fahr mal weiter rechts, der Streifen ist doch leer!« Tja, manchmal fühle ich mich so richtig müde. Aber so richtig…

Ist doch nicht zu fassen, oder?
ohne Worte
ohne Worte
ohne Worte
ohne Worte

Rot ist nur die Farbe der Revolution

Achte mal auf das Schild, worauf der Autoverkehr achten soll…

Der Mut zu eigenen Entscheidungen und zur eigenen Verantwortung ist in Deutschland eine rare Tugend, wie bereits Bismarck in bekanntem Ausspruch bemerkt hat. Vollkommen verlässt sie den Deutschen übrigens, wenn er oder sie sich eine Uniform anzieht – aber das nur nebenbei. So finden sich in diesem Land etliche Untertanen, welche dem selbst-denkenden Menschen so etwas wie »Es ist roooot!« zurufen, wenn dieser durch seine bewusste Entscheidung, das Rotlicht zu missachten, den Untertanen daran erinnert, dass dieser das selbständige Denken aufgegeben hat und sein Leben von einem elektronischen Schaltkreis takten lässt – und sei die Fahrbahn, die es zu überqueren gilt, auch noch so leer.

Uns begegnen diese konformistischen Menschen mit ihrer servilen Ergebenheit jeden Tag. Sie pochen auf die Einhaltung von Vorschriften, ohne dass sie diese jemals einer ganzheitlichen Bewertung unterzogen haben. Dinge hinterfragen, welche durch den Staat oder Gesetzgeber vorgegeben werden? Nicht in Deutschland, wo der »Führerbefehl« schon immer vor der Vernunft stand: »Das wird schon seine Richtigkeit haben!« Nur für wen, das wird zu selten gefragt.

Wir wissen natürlich, woher der Wind kommt und vor allem auch, wohin er weht: Es gilt, dem Autoverkehr gnadenlos Vorrang zu geben. Die Autolobby ist bereits seit den 1920er Jahren dabei, dies mit Einfluss auf die Politik und Gesetzgebung zu gewährleisten, um ihre Absätze zu sichern. Es geht um nichts anderes, als dem kapitalistischen (Auto)Markt mit seinem Mehrwertprinzip, stets ausreichend autogeile, zahlende AbnehmerInnen zuzuführen. Und so zielen auch nahezu sämtliche, in der Straßenverkehrsordnung (StVO) festgelegten Verhaltensregeln darauf ab, dies umzusetzen: Um dem motorisierten Verkehr höchstmögliche Geschwindigkeiten und ein gutes Fortkommen in der Stadt zu ermöglichen, wird dieser räumlich, also durch Unterteilung in Fahrbahn hier und Geh/Radweg dort, und zeitlich durch Ampeln, vom nicht-motorisierten Verkehr getrennt. Ampeln sind grundsätzlich dafür da, den Autoverkehr besser und flüssiger zu machen! In dieser Logik gilt, dass alles was langsamer oder schwächer ist (zu Fuß Gehende oder Radfahrende), als Störfaktoren gelten und einfach an den Rand des öffentlichen Raums gedrängt werden können – natürlich nur zu deren Sicherheit, aber eben nicht selten, ohne den versprochenen Schutz auf diesen »Schutzwegen« zu erfahren.

Wir Radfahrende werden dabei gesetzlich auf oft viel zu schmale Mehrzweckstreifen gezwungen, die uns allein durch ihre Anlage in Lebensgefahr bringen – von rechts durch sich öffnende Autotüren, von links durch viel zu knapp überholende Kraftfahrzeuge. Mit anderen Worten: Unsere Leichtigkeit und Flüssigkeit – und oft auch unsere Sicherheit – wird der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Autoverkehrs untergeordnet. Dies ist diskriminierend und es ist nicht einzusehen, warum sich Radfahrende und zu Fuß Gehende dem unterordnen sollten. Das dies übrigens nicht nur ein paar Menschen so sehen, belegte bereits 2014 eine Studie des Bundesumweltamtes, bei der sich 82 Prozent der Deutschen dafür ausgesprochen haben, Städte und Gemeinden so umzugestalten, dass Wege besser zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt werden können. 82 Prozent!

Stattdessen droht Radfahrenden, die bei Rot über eine Ampel fahren, in Deutschland (im Gegensatz zu vielen anderen Ländern) ein Bußgeld von bis zu 180 Euro und ein Punkt in Flensburg. Wie dumm-blöd diese Regelung ist und warum diese Regelung abgeschafft gehört, werde ich anhand einiger Punkte begründen:

  • Radfahrerende sind viel flexibler, langsamer und bewegen sich viel aufmerksamer, als Kraftfahrzeuglenkende. Dies ist für uns überlebenswichtig, da wir keine Knautschzonen besitzen und wir es daher sowieso gewohnt sind, genaustens auf unsere Umgebung zu achten. Wir fahren mit offenen Augen und Ohren durch den Verkehr, denn aus jeder Einfahrt könnte ein Auto kommen, welches uns nicht auf der Rechnung hat. Dadurch, dass wir, anders als Autofahrer, keine Hülle um ums herum haben, nehmen wir zudem viel besser wahr, was um um uns herum geschieht. Und auch durch die fehlende Motorhaube können wir uns viel näher an Kreuzungen herantasten, als Autos. Kurz: Wir kriegen viel mehr mit, als Autofahrende und sind zudem aus überlebenswichtigen Selbstschutz gezwungen, viel genauer aufzupassen, als der Mensch im Blechpanzer.

Diese Argumente wiegen schon extrem schwer und alle, die schon mal Rad gefahren sind, wissen das. Aber es gibt noch weitere Punkte…

  • Selbst grüne Ampeln schützen uns Radfahrende nicht vor Unfällen, denn jedes rechts-abbiegende Fahrzeug ist für uns eine potenzielle Gefahr. Es ist daher für uns egal, ob wir bei rot oder grün über die Ampel fahren, denn wie wir alle wissen, gibt es tote RadfahrerInnen auch haufenweise an grünen Ampeln.
  • Ampeln machen den Radverkehr langsamer, und dadurch wird das alternative Verkehrsmittel auch weniger attraktiv. Müssen wir an einer roten Ampel halten (welche, wie bereits erklärt, für uns Radfahrende zumeist sinnlos sind), verlieren wir die Energie, die wir vorher mühsam aufgebaut haben. Das verlängert auch unsere Fahrtwege zeitlich. Und natürlich müssen wir beim Warten an (für uns unnötigen) roten Ampeln auch noch die Abgase der Autos einatmen – besonders dann, wenn der Verkehr wieder anrollt.

Es ist also ziemlich klar – wir sollten nicht an (allen) roten Ampeln halten (müssen). Ach, und übrigens – auch das Sicherheitsargument ist Blödsinn: Mindestens genauso gefährlich sind sich schnell öffnende Autotüren neben den Radwegen. Aber hier schreit kein Hahn nach.

Das dumpfe Befolgen von sinnlosen Regeln, ohne selbständig zu Denken und ohne eigene Aufmerksamkeit birgt aber auch andere Gefahren. Gehirnforscher Manfred Spitzer belegt in den von ihm diskutierten Forschungsergebnissen, dass, wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, unser Gedächtnis nachlässt, Nervenzellen absterben, und nachwachsende Zellen nicht überleben, weil sie nicht gebraucht werden. Wir schaden so langfristig unserem Körper und vor allem unserem Geist. Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Ampelschaltkreisen (und natürlich von Computern, Smartphones und Navis etc.) erledigt. Das berührt übrigens auch unsere Kritikfähigkeit (was aber dem Staat wohl auch ganz Recht sein dürfte).

Fazit

Die Sache ist ganz einfach: Rote Ampeln sollten für Radfahrende und zu Fuß gehende nur noch Vorfahrt-Achten-Signale sein! Wenn niemand behindert wird, darf die Straße überquert werden – fertig! Bei dieser Forderung handelt es sich um nichts anderes, als die sinnvolle Legalisierung vom bereits weit verbreiteten Verhalten, rote Ampeln – freilich immer unter Berücksichtigung der Sicherheit aller Beteiligten – zu überqueren. Radfahrer sollten nicht an roten Ampeln halten (müssen).

Und noch mal – Ampeln sind ausschließlich dafür da, den Autoverkehr besser und flüssiger zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum sich Radfahrende und zu Fuß gehende dem unterordnen sollten. Wir kommen ohne diese häufig viel besser zu Recht. Das sind zum einen Verkehrsregeln des vergangenen Jahrhunderts, und zum anderen beleidigen die realen Situationen vor Ort regelmäßig meine Intelligenz. Wer dumm und blöd an einer leeren Straße vor einem schnöden, elektronischen Schaltkreis stehen bleiben möchte, solle dies von mir aus gern tun. Aber er oder sie soll gefälligst den Bullen in sich erschießen und die Fresse halten, wenn andere das selbständige Denken noch nicht aufgegeben haben und das tun, was diese insgeheim auch gern tun würden: Selbstbestimmt und verantwortlich handeln und leben.

Reicht das?

2018. Was haben wir mit unserem Engagement (in unserer Sache) erreicht? Seit den 1980er Jahren sind Menschen für die Umwelt, und in unserem Falle für einen vernunftsorientierten Verkehr, aktiv. Aber wird heute in Kiel und ganz allgemein weniger Auto gefahren? Hat sich die Situation bei den Luftschadstoffen bzgl. der Stickoxide und der Feinstäube verbessert? Wird das Autofahren erschwert und gleichzeitig mehr für die Radinfrastruktur getan? Wird das Verkehrsverhalten den Klimaschutzzielen gerecht? Handeln die Menschen in Mobilitätsfragen ganz allgemein verantwortungsbewusster? Die Realität beantwortet alle Fragen gnadenlos mit »nein«. Wir kommen nicht weiter. Warum ist das so, obwohl wir doch alle so wahnsinnig aktiv sind?

Die Antwort (auf die letzte Frage) kann nur durch eine schonungslose Selbstkritik erfolgen. Die zentralen Fragen sind dabei: »Reicht das, was wir tun?« und »Für wen tun wir das, was wir tun, eigentlich?«

Diese Fragen waren bereits in einigen, an anderer Stelle von mir veröffentlichten Publikationen und in meinem letzten Buch Gegenstand meiner Betrachtungen. In diesem Blog mögen diese möglicherweise initial als »off topic« erscheinen, aber ich denke, sie sind es nicht. Und so habe ich nach einem vergangenen Gespräch in »meiner Philosophenrunde« auch lange überlegt, ob ich dieses Kernthema hier, an dieser Stelle einmal zum Objekt der Betrachtungen machen soll, denn natürlich können die substanziellen Punkte hier nur kurz und oberflächlich umrissen werden. Ferner können die Antworten durchaus im Bezug auf das eigene Engagement von manchem als provokant – mithin als ungerecht empfunden – wahrgenommen werden. Es wird unbequem und unangenehm, nichts desto trotz ist es wichtig, diese Sachverhalte aus- und anzusprechen, wenn wir wirklich weiter kommen wollen, denn das herumdoktern auf der Symptomebene lässt uns akinetisch in der eingangs beschriebenden Realität verharren: Nichts ändert sich grundlegend (zum Besseren)!

Ohne lange Umschweife komme ich zur Sache, bzw. zu den Antworten auf die beiden zuvor genannten Kernfragen:

1. Nein, das Engagement der allermeisten reicht nicht aus.
2. Das Engagement wird zudem für sich selbst durchgeführt.

Das Engagement der meisten ist deswegen nicht ausreichend, weil es die auslösende Sytemspezifik nicht einmal ansatzweise berührt. Also das, was für die Missstände verantwortlich ist. Und würden wir es nicht alle bereits jetzt ahnen – es geht um die Systemspzifik der hegemonialen Ökonomie, den Kapitalismus, welcher in den fundamentalen Grundprozessen auf Konkurrenz, statt auf Miteinander aufbaut und so die Menschen entscheidend (zum negativen) prägt. Diese als normal taxierten Abläufe des kapitalistischen Wirtschaftens mit seinen zunehmend dereguliert wirkenden Marktkräften und Privatisierungen, aber vor allem durch seine starken seduktiven Eigenschaften, verändern die Persönlichkeiten, die Seelen der Menschen, hin zum Konsumismus und zur Bequemlichkeit – nicht zur Vernunft, Verantwortlichkeit oder Empathie.

Die Geschichte zeigt, dass Ansätze, Ideen und Engagement, welches das Potenzial in sich trägt oder trug, hoffnungsvoll zu erscheinen, nach kurzer Zeit vom System okkupiert und anstatt eine echte Wende einzuleiten nur dazu benutzt wird, sich selbst innerhalb des kapitalistischen Systems (mit einer Marktlücke) zu platzieren (und es somit weiter zu zementieren). Ob »Upcycle«, »Bio- oder Vegan-Produkte« oder »Lasten-Bike-Lösungen« – alles landet letztlich auf dem kapitalistischen Markt auf dem, und das muss klar sein, es nicht darum geht die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern einzig der Umsetzung der Realisierung des Mehrwertes dient, also der Rückverwandlung der Waren in mehr Geld, als zuvor in die Herstellung dieser Waren investiert wurde. Seit den späten 1970er Jahren sind Menschen, die sich einst vorstellten, mit bewusstem Konsum die Welt verändern zu können (Ökologiebewegung), inzwischen längst von Marketingfachleuten als »Lohas« (Lifestyle of Health and Sustainability) ausgemacht und einsortiert. Der kapitalistische Markt sorgt dafür (freilich mit den üblichen kapitalistischen Produktionsbedingungen) ihnen das anzubieten, was dieser neue Konsumententyp verlangt – hochwertige und stylische Produkte wie nachhaltige Naturholz-Bungalows oder Biowasser mit drei Spritzern unbehandelter Zitrone etc.

Wir müssen erkennen – so wird das nichts: Der jahrelang anerzogene Glaube, dass irgendetwas (entscheidendes) innerhalb dieses Systems mit den Werkzeugen und Konstruktionen des Systems zum Besseren verändert werden kann, ist ein Hirngespennst. Mit viel Mühe können vielleicht kleine Anpassungen oder minimale Veränderungen erreicht werden (meist lokal oder auf bestimmte, kleine Gruppen beschränkt) – aber das System selbst, welches die immensen Schäden in Flora, Fauna und Mensch verursacht, bleibt unangetastet.

Das wissen oder ahnen zumindest die Meisten. Und so muss schlussendlich festgestellt werden – und wir kommen somit zum Punkt zwei – dass das eigene Engagement letztlich nichts anderes als eine Alibihandlung für das eigene Gewissen darstellt. Das mag hart klingen, ist aber so.

Um diese Welt in eine Welt zu verändern, in der irgendwann einmal Menschen leben, die von ganz allein, aus der Einsicht in die Notwendigkeit, aus sich heraus, das richtige tun (in unserem Falle mehr Rad fahren), müssen wir nämlich nicht irgendetwas, sondern das (grundlegend) Richtige tun – der Kapitalismus mit seinen (normalen) Konsequenzen muss überwunden werden. Es kann derbei natürlich nicht ausreichen, wenn Mensch sich alle vier Wochen zur Critical Mass trifft, aber nach der Fahrt wieder in das System zurückkehrt und neben der Arbeit an der eigenen Wirkung (auf andere) mit dem eigenen, persönlichen »Weg nach oben« (ob am Arbeitsplatz oder Hochschule) beschäftigt ist. Die einzige, wirksame Handlungsalternative zur Überwindung der vorherrschenden Verhältnisse (hin zur Vernunft) kann ausschließlich eine umfassende »Kultur der konsequenten Verweigerung« sein, in der jede Mitverantwortung und Mitarbeit für die ›Marktwirtschaft‹ verweigert wird, nur noch »Dienst nach Vorschrift« gemacht und der kapitalistische Betrieb sabotiert wird, wo immer das möglich ist. Alle vier Wochen mit dem Rad und gekühltem Bierchen durch die Stadt zu fahren, Bio-Produkte zu kaufen oder den Müll zu trennen, reicht leider nicht – so fühlen wir uns allemal etwas besser, weil wir ja etwas tun. Weniger Hipster, dafür mehr (echte) Tat – das wärs!

Wer sich jetzt herausgefordert fühlt, hat nicht verstanden, worum es in diesem Artikel geht. Wer diesen Artikel als Denkanstoß erkennt, hingegen schon.

Wir sehen uns auf der übernächsten Mass – im Mai bin ich auf Tour.

Zeugen gesucht!

Ein Mitfahrender wurde auf dem Weg zur letzten CM von einem Autofahrer tätlich angegriffen. Es werden Zeugen gesucht! Zum Hergang:

Der Mitfahrende war auf der Kieler Bahnhofstraße auf dem Radweg unterwegs Richtung Treffpunkt. Der Radweg war (wie so häufig) durch Fahrzeuge zugeparkt. In diesem Fall allerdings ausnahmsweise nur einmal durch ein einzelnes Fahrzeug. Der Mitfahrende wollte keine Fußgänger gefährden, sodass er auf die Fahrbahn auswich (Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung!). Nach der Passage des falschparkenden Fahrzeuges wollte er diese als Beweismittel fotografieren, um anschließend die Polizei zu rufen. Es handelte sich um einen anthrazitfarbenen Mercedes Kombi mit dem Kennzeichen KI-CF 90, soweit er sich erinnert. Der Fahrer war ein rothaariger, bärtiger, bierbäuchiger Mann mit hellblauem Pullover, der dann aber ausstieg, den Mitfahrenden erst bepöbelte, dann jagte, ihn angriff und zwei Mal zu Boden geworfen hat. Er wollte die Angelegenheit – Zitat: »Wie ein richtiger Mann mit ihm klären«. Der Fahrer war in Begleitung einer blonden älteren Frau (seine Mutter) mit graubrauner Strickjacke. Die beiden haben versucht, ihm das Handy und Portemonnaie zu entreißen. Zum Glück ist der der Mitfahrende bei all dem nur leicht verletzt worden und sein Sachschaden am Fahrrad und Klamotten ist gering. Es waren einige Passanten zugegen, die, soweit ohne eigene Gefährdung möglich, die Situation zu deeskalieren versuchten. Als die Polizei dann eintraf, wurde durch den Mitfahrenden Anzeige erstattet und Strafantrag gestellt.

Es werden Zeugen gesucht! Denn natürlich hat der Typ bei der Polizei angegeben, dass der Mitfahrende, der vom Angreifer selbst als »schmächtiger Affe« beschrieben wird, den Mercedesfahrer und seine Mutter zuerst angegriffen hätte und hat sofort Gegenanzeige erstattet. Hier werden wirklich dringend Zeugen gesucht, denn durch diese (und sei sie noch so abwegig) Gegenanzeige werden ermutlich beide Verfahren nach zwei Briefen von der Polizei bzw. Staatsanwaltschaft eingestellt und solch ein Horst darf mit so was einfach nicht durchkommen. Solchen Neandertalern gehört wegen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Verbindung mit Körperverletzung und Sachbeschädigung der Lappen für ein paar Monate oder länger entzogen, damit die »Schwanzverlängerung für den richtigen Mann« mal ein bisschen Pause bekommt. Wer weiß, was solche Typen sonst noch damit auf öffentlichen Wegen so anstellen. Nicht zu fassen.

Wer helfen kann, schickt mir bitte eine E-Mail. Ich stelle dann die Verbindung umgehend her. 

Update vom 11. April, 9:20 Uhr:

  1. Die Beurteilung »schmächtiger Affe« stammte vom Angreifer und nicht vom Angegriffenen über sich selbst – das wurde im Text berichtigt.
  2. Hinzufügung eines Fotos über »kreative Gegenmaßnahmen«, um das (asoziale) Zuparken des Radwegs zu erschweren…
„Kreative Gegenmaßnahmen“. Asoziales Zuparken des Radwegs erschwert.

Aus Kiel wird Schilda

Porsche jetzt ganz neu grüner als grün.

Die Kieler Nachrichten berichtete am Dienstag, dass Volkswagen ein Gutachten finanzieren will, welches in einer Studie verschiedene Maßnahmen durchrechnen soll, um die Luftqualität in Kiel zu verbessern. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) setzte zur Bedingung zur Zusammenarbeit mit VW, dass das beauftragte Gutachterbüro unabhängig sein müsse und sieht diese Bedingung mit der von der Volkswagen AG ausgewählten ›PTV Group‹ als erfüllt an. Nur, es stellt sich heraus, dass die PTV Group zum Porsche Konzern gehört.

Warum nur überrascht mich eine solche Nachricht nicht (mehr)? Angeblich wusste Oberbürgermeister Kämpfer nichts über die Besitzverhältnisse des »unabhängigen Gutachterbüros«, aber ein einziger Blick in Wikipedia hätte genügt, um Klarheit über den Laden zu erlangen: Die PTV Group gehört zum Porsche Konzern, welcher wiederum 52 Prozent der Stimmenrechte an der Volkswagen AG besitzt.

Bravo! In Kiel schreibt also ein Gutachterbüro, welches Eigentum eines gewaltigen Autokonzerns ist, ein Gutachten, wie in Kiel die Luftqualität verbessert werden könnte, welche erst durch den Autoverkehr so beschissen ist, wie sie es ist.

Oberbürgermeister Kämpfer ist dennoch von der fachlichen Kompetenz des Unternehmens überzeugt, wie die KN am Donnerstag berichtete. Die Stadt arbeite schon sehr lange mit dem Unternehmen zusammen, es gehöre zu den Marktführern für Gutachten im Bereich Mobilität. Kämpfers Kommentar: »Es ist jetzt natürlich ein Problem des Anscheins da, mit dem wir umgehen müssen.« Kämpfer nennt es »Anschein«, wenn die Verursacher des Dieselskandals für Städte Gutachten bezahlen und dann bei ihren eigenen Firmen in Auftrag geben.

Halleluja Kapitalismus!

Keine Fahrverbote in Kiel

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes bzgl. der Fahrverbotsdiskussion liegt seit einer Woche vor uns und es wurde von vielen frenetisch gefeiert. Mit meinem Kommentar dazu habe ich mich bisher extra zurück gehalten – aus gutem Grunde.

Direkt nach der Urteilsverkündung war mir die Rolle des Nörglers, also desjenigen, der mit seinen Worten nervt und stört, (wieder einmal) sicher. Dazu brauchte es gar nicht viel – es reichte ein schneller Blick in einige Artikel verschiedener, medialer Angebote: »Fahrverbote müssten aber verhältnismäßig sein und dürften nicht auf einen Schlag eingeführt werden. Voraussichtlich seien sie nur an wenigen Stellen zu erwarten.« (Zitat Spiegel). »Die Richter des obersten deutschen Verwaltungsgerichts halten Fahrverbote also für zulässig, verwiesen aber zugleich auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hin. Die beklagten Städte Düsseldorf und Stuttgart müssten ihre Luftreinhaltepläne auf Verhältnismäßigkeit prüfen, urteilte das Gericht und forderte Übergangsfristen sowie die phasenweise Einführung der Fahrverbote.« (Zitat Zeit). Oder mit anderen Worten – es wird (logischerweise) nicht das geschehen, was eigentlich geschehen müsste.

Kieler SPD-Ratfraktion will, das Menschen sterben

Jaaaahaaa, das klingt hart, oder? Da steigt der Blutdruck in der SPD-Ratsfraktion. Ja sorry, aber wie bitte soll ich das sonst übersetzen, wenn die SPD in ihrer Pressemitteilung zum Thema den Satz: »Wir lehnen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Kiel weiterhin ab.« rausfeuert und wir gleichzeitig alle wissen (sicher auch die Menschen in der SPD), dass rund 10.000 Menschen und mehr in Deutschland pro Jahr vorzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, welche durch Stickstoffdioxide ausgelöst wurden.

Naiv, naiver, SPD

Anstatt zu handeln und den Menschen in der Stadt mittels Fahrverboten für Dieselfahrzeuge eine schnelle und vor allem wirksame Erleichterung zu verschaffen, wendet sich diese hasenfüßige Kieler-SPD-Ratfraktion stattdessen gläubig an die »Moralinstanz Nummer 1« in Deutschland – die Autoindustrie. Ihre Forderung: Ihr seid die Verursacher – macht gefälligst eure Autos sauber! Prinzipiell stimme ich ja zu – diejenigen, die für den Dreck sorgen, sollen ihn auch verhindern. Nur, liebe Naivlinge in der SPD (und an die in den anderen bürgerlichen Parteien), wir sind hier nicht bei »Alice im Wunderland«, sondern in der Realität. Und genau so, wie sich das Meer niemals vor uns teilen wird oder wir von Adam und Eva abstammen, kann auch die Automobilindustrie sich die Abgase ihrer antiquierten Technik aus dem 19. Jahrhundert nicht einfach wegwünschen oder durch Zauberhand mittels Zauber-Elektronik in Sauerstoff umwandeln. Da wollen die verflixten chemischen und physikalischen Gesetze einfach nicht mitspielen.

Ein Hoch auf den Untergang dieser Automobilindustrie

Ach, ihr unbekümmerten, kapitalismusgläubigen SPD-Ratsmitglieder (und alle anderen aus den sonstigen Parteien, die es angeht), nehmt doch endlich mal zur Kenntnis, dass das, was die (deutsche) Autoindustrie kann, Lügen und Betrügen ist und bewusst den Tod von nicht wenigen Menschen in Kauf zu nehmen, sofern es ihren Absatz und somit ihren Profit sichert. Das war schon immer so, als BMW, VW und Audi bspw. geplant und bewusst mit den Nazis kollaborierten und dadurch groß und fett geworden sind, das ist heute so (siehe Abgasmessungsmanipulationsskandal), und das wird auch in Zukunft so bleiben. Da brauchen wir gar keine Krokodilstränen vergießen und wer heute noch an »freiwillige Selbstverpflichtungen« in kapitalistischen Unternehmen und Konzernen (hier die Automobilindustrie) glaubt, der glaubt sicher auch an den Osterhasen (oder an die unsichtbare, heilende Hand von Adam Smith). Ach, da fällt mir ein, der verdammte Hase huscht ja bald wieder durch unsere Gärten (sofern er noch nicht auf der Straße übergebrettert oder vergast wurde) – freut euch also schon mal.

Fazit

Es ist wie eigentlich immer – weitermachen. Wir müssen diesen menschenverachtenden Betrieb stören, wo immer wir können. Fahre jede Critical Mass mit, gehe auf die Straße und demonstriere für dein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn, wie stets in dieser Gesellschaft, ökonomische Interessen den Gesundheitsinteressen von Menschen vorangestellt werden, darf es kein Pardon geben. Gibt es auch nicht – zumindest von mir.

Streugut oder eher Streuschlecht?

Die Städte sind unermüdlich im Streueinsatz. Das ist gut.

Wir Radfahrende freuen uns darüber, dass, zumindest hier in Kiel, die Radwege relativ schnell geräumt und abgestreut werden. Es kann also weiter gefahren werden. Danke an die Stadt! Unglücklicherweise haben wir aber gleichfalls bis in das Frühjahr hinein immer wieder mit unangenehmen Nebenwirkungen zu kämpfen – dem Plattfuß. Der Verursacher: Streusplitt. Denn dieser hat mitunter Kanten, welche teilweise schärfer und spitzer sind, als Glaskanten. Wo fangen wir uns diese fiesen kleinen Dinger ein und wo nicht? Eine kurze Bestandsaufnahme.

Auf den letzten Mass-Fahrten wurde mir immer wieder von all den Plattfüßen, mit denen zur Zeit gekämpft wird, berichtet und welche »Freude« es bereitet, Schläuche zu tauschen oder zu flicken und regelmäßig die Streusplitt-Steinchen aus den Reifen (Mänteln) zu fummeln. Mich hat es kürzlich auch an einem Tag gleich zweimal erwischt – einmal sogar bei einem pannenreduzierten Reifen – einem sogenannten »Unplattbaren«, den ein Streusplitt-Steinchen glatt durchstochen hat.

Wie wird wo gestreut?

Diese Klagen hören wir in nahezu jeder Stadt in Deutschland von Fahrradfahrenden. Wir können aber schon feststellen, dass die Städte versuchen, diese Klagen ernst zu nehmen und versuchen im Winterdienst mittels unterschiedlichem Streugut die Problematik für Fahrräder zu entschärfen. In vielen Städten wird deshalb auf reinen Radwegen ausschließlich Streusalz unter Beachtung der Umweltvorschriften verwendet. Dies geschieht aber nicht nur, um die »Plattenproblematik« zu entschärfen, sondern auch deswegen, weil sich herausgestellt hat, dass sogenannte »abstumpfende Stoffe«, wie beispielsweise Splitt, aufgrund der kleinen Radaufstandsflächen von Fahrrädern nicht geeignet sind, den Kraftschluss zwischen Reifen und Fahrbahn wirksam zu verbessern. Fahrradreifen sind einfach zu schmal und haben zu wenig Auflagefläche, dass diese Streumittel einen Grip-Vorteil verschaffen könnten. In vielen Städten gelang es mittels dieser Maßnahmen, die »Plattenpannen« deutlich zu reduzieren.

Problemzonen

Es bleiben aber viele Problemzonen. Auf Fußwegen und an Haltestellenbereichen ist das Verwenden von Streusalz in der Regel nicht erlaubt und ebenso auch nicht auf kombinierten Wegen, welche von Radfahrenden und Zufußgehenden gleichermaßen genutzt werden dürfen. Hier dürfen nur abstumpfende Streumittel wie Granulat und Splitt verwendet werden, es sei denn, es handelt sich um besonders gefährliche Stellen, wie Brückenauf- und -abgänge (siehe Hörnbrücke), Rampen, Fußgängerüberwege sowie Wege mit starkem Gefälle usw.

Fazit

Die Städte tun, was sie können. Es ist lobenswert, dass hierbei die Umweltbedürfnisse die entscheidenden Faktoren sind. So können wir an der Grundproblematik wohl leider nicht viel ändern und müssen mit dem Problem leben. Wer es sich traut, kann anstatt auf kombinierten Fuß- und Radwegen lieber auf der Fahrbahn fahren, da diese in der Regel (mit Ausnahme der äußersten Ränder) frei von Granulatrückständen ist. Nur, bei den bedauerlicherweise immer wieder auftauchenden »Psychopathen hinter dem Kraftfahrzeug-Lenkrad«, ist diese Maßnahme aber nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Was bleibt uns? Hoffen wir also auf ein rasches Winterende und eine darauf folgende, ebenso rasche Wegereinigung durch die städtischen Betriebe.

Strafantrag stellen – jetzt!

Auf Fahrrad- und Gehwegen werden mitunter Stickstoffdioxid-Werte bis zu 500 μg/m³ Luft gemessen – der zulässige Grenzwert von 40 μg/m³ Luft wird also um ein Vielfaches überschritten. Stickstoffdioxid ist sehr giftig und macht krank: Es löst Kopfschmerzen und Schwindel aus, höhere Konzentrationen verursachen Atemnot und führen langfristig zu Lungenödemen. Wird Stickstoffdioxid in Konzentrationen von 40–100 µg/m³ über längere Zeit eingeatmet, kommt es zwangsläufig zu gesundheitlichen Schäden: Asthma und Bronchitis, das Herzinfarktrisiko wird erhöht und es steigert die Todesrate. All dies ist wissenschaftlich eindeutig belegt.

Die meisten von uns sind schon lange mehr als sauer – in den Städten gibt es zu viel Stickstoffdioxid. Durch diese Abgase sterben jedes Jahr tausende Menschen – die Verursacher aber bleiben desinteressiert und denken nicht einmal im Traum daran, ihre (auch für sie) schädlichen Gewohnheiten zu überdenken. Wo Vernunft nicht von alleine kommt, muss (leider) angeordnet werden. Doch die Politik bleibt tatenlos. Es ist an der Zeit, das wir den Druck erhöhen.

Bereits im Herbst letzten Jahres hat die Deutsche Umwelthilfe als Verband im Namen aller, die Verantwortlichen aus der Politik aus eben diesem Grund mit einer Klage besehen. Sie werden damit vermutlich Erfolg haben, denn die Vorgaben der 39. BimSchV sind klar.

Aber neben einer solchen Verbandsklage hat aber auch jeder von uns die Möglichkeit, sich für seine Rechte einzubringen und dabei den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen, denn alle von uns werden durch die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen gesundheitlich geschädigt. Hier kann durchaus von (fahrlässiger) Körperverletzung gesprochen werden und somit ist es fraglos legitim eine Strafanzeige und/oder einen Strafantrag bei Polizei oder Staatsanwaltschaft (ich empfehle die StA Kiel) gegen den oder die Verantwortlichen zu stellen. Beide Exekutivorgane sind bei Kenntniserlangung einer (möglichen) Straftat verpflichtet, tätig zu werden und ggf. zu ermitteln.

Jetzt handeln!

Ich habe dies getan. Ich habe Strafanzeige und Strafantrag gegen die Verursacher gestellt.

Aber dabei soll es nicht bleiben, denn ich möchte hiermit alle bestärken, es mir gleich zu tun und darüber hinaus alle, die sich im Freundes- und Bekanntenkreis ebenfalls als Geschädigte sehen, zu motivieren, dies gleichermaßen zu tun!

Nutzt dazu gern meine Vorlagen oder schreibt selbst etwas – aber tretet für euer Recht ein, nicht tagtäglich auf unseren Straßen vergast werden zu müssen! Macht mit, holt andere ins Boot – bedecken wir sie reich mit unserem Unwillen. MACHT MIT!

Warum diese Aktion nicht ohne Wirkung bleiben wird.
Diese Aktion geschieht nicht etwa blauäugig. Nein, denn mit einer ähnlichen Aktion erwirkte ich mit etwa 1000 weiteren Menschen vor einigen Jahren bereits einen beachtlichen Erfolg. Der Erfolg war so bemerkenswert, dass mich nach dem Abschluss der Aktion der damalige Umweltminister (gegen sein Ministerium richtete sich der Protest) anrief und zu einem persönlichen Gespräch in sein Büro einlud, bei dem er mir gratulierte und ein bisschen aus dem Nähkästchen über die Wirksamkeit solcher »Massenproteste/Massenanzeigen« plauderte. An dieser öffentlicher Stelle werde ich nicht ins Detail gehen (können) – wer an weiteren Infos interessiert ist, darf mir gern schreiben – aber es ist sicher für alle leicht vorstellbar, was es für eine Behörde bedeuten kann, wenn diese sich urplötzlich mit mehreren hundert (oder gar tausenden?) Fällen konfrontiert sieht, wovon jeder einzelne Fall per Akte mit Geschäftszeichen angelegt, geprüft und beantwortet werden muss… Dieser »Zauber« kann mitunter erstaunliche Auswirkungen auf im Raum stehende Entscheidungen mit sich ziehen und dabei ist es überdies noch nicht einmal unbedingte Voraussetzung, ob eine Sache selbst (hier die Strafanträge/Strafanzeigen) in ihrer Eigenschaft Erfolg haben, oder nicht. Allein der entstehende Mehraufwand (der gern vermieden werden will) kann hinter den Kulissen bestimmte Dinge wie von Geisterhand anstoßen.

Downloads Vorlagen

Strafanzeige/Strafantrag StA Kiel (Open Dokument Text, .odt, mit eingebetteter Schriftart, 8.8 MB)

Strafanzeige/Strafantrag StA Kiel (Open Dokument Text, .odt, ohne eingebetteter Schriftart, 18.9 KB)

Strafanzeige/Strafantrag StA Kiel (Portable Document Format, .pdf, 58.4 KB)

Adresse/Kontakt Staatsanwaltschaft Kiel

Staatsanwaltschaft Kiel
Schützenwall 31-35
24114 Kiel

Tel.: 0431 604-0
Fax: 0431 604-3469
E-Mail: kontakt@staki.landsh.de