Dezember: Kälte und viel, viel doof

Danke an Frank für das Bild (November-Fahrt)

Die letzte Fahrt des Jahres 2017 in Kiel ist gefahren. Erfreulich war, das es erneut um die 40 FahrerInnen schafften, ihre Figuren vom warmen Sofa raus aufs Fahrrad zu bewegen, um bei 0°C für eine vernunftbezogene, städtische Verkehrswende einzutreten. Sehr unerfreulich hingegen war, und für mich in dieser Konzentration nach zwei Jahren Critical Mass auch so noch nie erlebt, dass wir so viel Arroganz, Impertinenz, Anmaßung und (gefährliche) Respektlosigkeit von Seiten der motorisierten Verkehrsteilnehmer erleben mussten. Die hier zur Schau getragene, zum Teil für Leib und Leben der CM-Teilnehmenden lebensgefährliche Rotzigkeit dieser Asozialen, legitimiert nachträglich die von mir in meinem letzten Artikel gewählte Schärfe der Diktion. Es ist nicht nur richtig, sondern nötig, auch in der Zukunft solcherlei Dummdreistigkeit klar zu benennen und so gleichzeitig klare Kante zu zeigen.

Zur Fahrt an sich gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Sie verlief (prinzipiell) ruhig und entspannt. Worüber aber gesprochen werden muss, ist bereits in der Einleitung dieses Artikels deutlich geworden. Bevor ich aber loslege, ist es mir an dieser Stelle nocheinmal wichtig, allen Lesenden deutlich zu machen, dass ich weder die Critical Mass veranstalte, noch die in diesem Blog veröffentlichten Beiträge einen Anspruch der Allgemeingültigkeit »im Namen der Critical Mass« erheben (können)! Ich bin lediglich ein Teil vom Ganzen und berichte aus meiner Sicht von den Dingen rund um die Critical Mass! Alles klar? Dann kann es ja weiter gehen.

Was stimmt bei euch nicht?

Bei der gestrigen Fahrt wurde der Fahrrad-Verband der Critical Mass von Beginn an von dauerhupenden, sich gefährlich in den Verband eindrängelnden oder riskant schnell und dicht den Verband überholenden, pöbelnden, autofahrenden Delinquenten bedrängt, bedroht und gefährdet. »Das Auge des Gesetzes« hätte hier seine wahre Freude haben können – von der einfachen Ordnungswidrigkeit bis hin zum Straftatbestand (Mitfahrer wurden sogar aus einem Auto mit Reizgas besprüht – s. Nachtrag unten) war alles mehrfach vertreten. Mit den Einnahmen von Strafgeldern hätten wir der Polizei glatt ihr nächstes Betriebsfest finanzieren können.

Und in der Tat – diesmal haben sie wirklich alles gegeben, wobei mich dieser Typ (er war aber nur einer von Vielen), in seinem aufgemotzten Audi, samt obligat durch die eigene »Männlichkeit« zu beeindruckender, auf dem Beifahrersitz platzierter, junger (blonder) Frau (sorry Leute, das ist nicht sexistisch – das war tatsächlich so), am meisten »beeindruckte«. Nachdem ihm der Geifer anfing förmlich aus den Mundwinkeln zu tropfen, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich es mit jemanden zu tun habe, der gerade erst aufrecht gehen gelernt oder von den Bäumen gestiegen ist. Es gibt Menschen, die fordern den Führerschein für werdende Eltern, ich hingegen fordere endlich einen Kfz-Führerschein, in der nicht nur theoretisches Wissen und das praktische Bewegen von Kraftfahrzeugen abgefragt und geprüft, sondern auch begutachtet wird, ob mehr als drei Hirnzellen in den für soziales und vernünftiges Miteinander zuständigen Gehirnarealen vorhanden sind.

Das stellenweise vollkommen vernunftferne, zudem auch massiv-gefährliche Gebaren dieser pöbelnden und hupenden, sozialschwachen Witzfiguren, legt ein solch krankes Selbstverständnis darüber, wer was für sich beansprucht und in welcher Form dies durchgeboxt wird, vieler AutofahrerInnen offen, dass es höchste Zeit wird, hier massiv gegen zu lenken. Wenn Teile der Gesellschaft so derartig die Nerven verlieren und vollkommen durchdrehen, nur weil sich diese in ihrer »freien Fahrt für freie BürgerInnen« für einen kurzen Augenblick behindert fühlen (zur Abwechslung mal nicht durch sich selbst und ihre Autos, sondern von einem Fahrrad-Verband, der überdies nichts verbotenes tut!!), dann ist das (auch) Ausdruck der tiefen Krise, in der diese Gesellschaft inzwischen steckt. Das unser Gesellschaftssystem generell durchdringende und alles bestimmende Gegeneinander des Wettbewerbs bringt solche Verhaltensweisen konsequent hervor: Alles was Schwächer ist wird weggedrängt, wenn es der eigenen Freiheitsausübung im Wege steht. Der Philosoph John Hacker-Wright beschreibt ziemlich präzise diese, unsere (kapitalistische) Gesellschaftsordnung: »Eine Gesellschaft bösartiger Egoisten kann Kultur weder erwerben noch erhalten.«

Was tun?

Aber ich will nicht zu tief in soziologische und philosophische Bereiche vordringen. Fakt ist, wir müssen etwas tun. Mein Fazit kann nur sein, dass sich ein solches Verhalten auf keinen Fall durch fortdauerndes, kritik- und folgenloses hinnehmen und »sich gefallen lassen« selbst legitimieren darf! Hier müssen klare Grenzen und Widerstand aufgezeigt werden und es muss konsequent der gegen die Schwächeren gerichteten Gewalt – ob gegen uns Radfahrende oder Zufußgehende – entgegen getreten werden.

Klar ist aber auch, dass die Critical Mass hierzu nicht die optimale Veranstaltungsform ist, denn dazu fahren dort zu viele Menschen (darunter ja auch Kinder) mit, die nachgerade (und ausschließlich) friedlich für ihr Recht auf Teilhabe am öffentlichen Raum eintreten oder ganz einfach nur den Spaß am Radfahren durch ihre Stadt genießen wollen. Aber zum Glück sind die Charaktere der Fahrenden der Critical Mass so mannigfaltig, wie die offene Gesellschaft, für die wir alle eintreten – auch hier gibt es nicht wenige, die sich der Gewalt im Notfall ebenfalls mit Gewalt entgegenstellen. Das ist gut so und ich zähle mich ebenfalls dazu.

Aber auch fernab der wunderbaren Veranstaltung der Critical Mass, gibt es genügend Möglichkeiten, die Gewalt, welche von diesen Spinnern gegen Schwächere ausgeht, zu bändigen. Dazu möchte ich diejenigen ermuntern, die ebenso wie ich die Schnauze voll davon haben, dass FahrerInnen von Blechpanzern meinen, dass sie den von ihnen gefühlten Anspruch auf die Fahrbahnen – den sie überhaupt nicht haben – mit bloßer Gewalt ihrer Blechmassen durchdrücken zu können.

Abschließendes

Eine Anmerkung von mir zum technischen Ablauf der Fahrt – meiner Meinung nach ist es bei so wenigen Mitfahrenden wie gestern schon angezeigt, konsequent darauf zu achten, dass wir nur eine Fahrspur benutzen. Natürlich ist dies bei MitfahrerInnen-Zahlen jenseits der 100 schon rein technisch nicht mehr möglich, aber bei 40, 50 FahrerInnen, sollte dies machbar sein. Das wäre dann nicht nur 100%ig StVO-konform, sondern auch fair.

Und ein letzter Satz richtet sich an die KVG – erneut musste ich beobachten, dass Busse der KVG mit unvernünftig hoher Geschwindigkeit den Verband überholten. Die KVG sollte prinzipiell doch wie wir daran interessiert sein, eine Verkehrswende herbei zu führen. Das Gefährden von Teilnehmenden der Critical Mass ist dabei dann nur als Dummheit zu bewerten. Nur ein einziger Bus (entlang des Wall/Kaistraße), fuhr an diesem Abend bedacht und vorsichtig neben dem Verband her.

 Nachtrag vom 30. Dezember, 20:00 Uhr: 

Ich habe soeben eine E-Mail eines Teilnehmers der hier beschriebenen Fahrt erhalten. Er berichtet mir darin, dass er aus einem vorbeifahrenden Auto mit Reizgas attakiert worden ist! Ja, richtig gelesen. Es geschah kurz nach Beginn, nachdem wir den Bereich NDR/Schifffahrtsmuseum passiert hatten (das war dann ungefähr der Bereich, in der wir es mit dem von mir beschriebenen Affen in seinem Prolo-Audi zu tun hatten / Anmk. von mir). Die Reizgas-Attacke geschah offenbar, als den hinter uns hupenden Autos Platz gemacht wurde und diese dann den Zug überholten. Der vom Reizgas im Gesicht getroffene Fahrer konnte die Fahrt nicht fortsetzen und musste von Passanten in ein nahegelegens Restaurant verbracht werden, wo er sich seine Augen spülen konnte. Dieser Vorfall stellt somit die absolute Krönung dar und zeigt, dass hier jetzt Konsequenzen folgen müssen. Dazu einige Fragen an alle:

1. Gibt es noch weitere Betroffene, die auch besprüht worden sind?
2. Hat vielleicht jemand gefilmt/fotografiert und die vorbeikommenden Autos im Bild? (Der Angriff dürfte aus dem 3. Auto derer gekommen sein, welche uns in Höhe des Schloß nacheinander überholten)

Der Betroffene denkt darüber nach einen Strafantrag zu stellen. Bitte mich kontakten – ich leite die E-Mails an ihn weiter.

 Nachtrag vom 30. Dezember, 20:40 Uhr: 

Soeben melden sich zwei weitere betroffene Fahrer…

 Nachtrag vom 31. Dezember, 13:00 Uhr: 

Noch zwei weitere Geschädigte haben sich gemeldet. Zitat: »Ursprünglich dachte ich, dass es Scheibenwischwasser von einem Auto wäre, das mich da ansprüht. Meine Lippen haben kurz gebrannt, nix schlimmes… Am selben Abend war ich dann noch mit Freunden essen und habe mir eine Wimper aus dem Auge reiben wollen, woraufhin dieses ebenfalls sehr stark brannte und tränte.. Auswaschen probiert, war aber nicht möglich, ich konnte mir das nicht erklären, aber durch [Name von mir entfernt] bin ich ins grübeln gekommen… Meine Freundin klagte am nächsten Tag ebenfalls über brennende Augen beim verreiben. Alles was ich vom Auto noch weiß ist, dass es sich um einen grauen, zumindest dunklen VW Golf handelt.«

Gut, nun meine Fragen: Hat jemand diesen VW Golf ebenfalls bemerkt und sich vielleicht sogar das Kennzeichen gemerkt? Dann bitte unbedingt melden!

Die selbe Scheiße jeden Tag

Fahrradstadt Kiel – ein Papiertiger. Maßnahmen nur dort, wo sie dem Autofan nicht wehtun.

Heute wird fast der gesamte urbane Raum (städtisches Gebiet) durch das Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor dominiert. Unsere Gesellschaft ist dem Auto verfallen und diese Sucht hat enorme Konsequenzen zur Folge. Manche dieser Konsequenzen sind ohne Zeitverzug sicht- und greifbar, andere treten erst postwendend nach Jahren, meist violent und unumkehrbar, zu Tage.

Mit Blech zugemüllte Stadtbilder und zeitweilige Dauerblockaden auf den Fahrbahnen. Jeden Tag erleben wir als Radfahrende, inzwischen innerlich mehr oder weniger von der allgemeinen Idiotie desillusioniert, wie sich Stoßstange an Stoßstange, nicht selten von EinzelfahrerInnen bewegt, im Berufsverkehr aneinander reihen und sich durch das städtische Gebiet dahinschleppen. Auf unseren Fahrrädern sind wir zudem oft noch zügiger unterwegs. Mein oft gedachter, zynischer Gedanke, dass der Mensch hinter dem Lenkrad ja nur das eine Auto vor und hinter sich sieht – sich die Lage für ihn also als gar nicht so schlimm darstellt – ist lediglich Hilfsinstrument, um nicht vollständig an der Beschränktheit dieser Menschen zu verzweifeln. Letztlich fragen wir uns doch alle: Wie kann es sein, dass sich autofahrende Menschen dieser Idiotie nicht bewusst werden?

Wir könnten so schlau sein

Heute können alle alles leichter erfahren, sofern wir die richtigen Werkzeuge dazu einsetzen. Wir könnten uns beispielsweise fragen: Würden viele Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht aus Bewegungsmangel und die daraus resultierenden Krankheiten wie Hypertonie etc. deutlich abnehmen, wenn wir mehr mit dem Fahrrad fahren würden? Würden dann die Menschen im Allgemeinen nicht gesünder, kräftiger, belastbarer und ausgeglichener sein? Könnten wir schwere Krankheiten wie Krebs, Lungenerkrankungen und Allergien verhindern, wenn wir weniger Autofahren würden? Diese Fragen werden aber von einer Überzahl der Mitglieder dieser Gesellschaft nicht gestellt oder beiseite geschoben und eine Gesellschaft, die sich solche Fragen nicht stellt, ist schwer krank.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Vorherrschaft des Autos entspringt zum einen aus einem gefühlten, angenommenen Nutzeffekt einer persönlichen Unabhängigkeit, welche es ermöglicht jederzeit, in einem für sich privaten, kleinen Raum, der das persönliche Bedürfnis nach Annehmlichkeit, Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Komfort und Vorzug zu erfüllen scheint, nahezu überall hin zu gelangen. Dies ist mit Blick auf die heutige Verkehrs- und Parkplatzsituation natürlich lächerlich.

Zum anderen, weil das Benutzen des Automobils die nachteiligen, aber vom Menschen nicht unbedingt als negative Seiten wahrgenommen Wesenszüge wie Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Passivität, Teilnahmslosigkeit und Trägheit protegiert und die daraus resultierenden, negativen Folgen für den Autofahrenden selbst, vor allem aber für seine Umwelt, ausgeblendet werden. Und das Ausblenden dieser Konsequenzen erscheint einfach, denn wie beim Rauchen sind die Folgen des negativen Handelns für den Autofahrenden nicht sofort spürbar, sondern wirken erst langfristig – wenngleich dann aber auch sehr üppig und häufig sehr massiv.

Illusionen über Illusionen

Betrachten wir den gefühlten Nutzeffekt des Autos etwas näher, so zeigt sich, dass dieser in den allermeisten Fällen auf Illusionen beruht. Der Prozentsatz der Menschen, welcher das Auto dazu benutzt, um spontan oder überhaupt längere Stecken zurückzulegen, ist verschwindend gering. Die allermeisten Fahrten mit dem Auto geschehen auf Kurz-Strecken, also auf Strecken, die auch spielend anders zurückgelegt werden könnten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist hierbei der Weg zur Arbeit – eine allseits beliebte Rechtfertigung für die eigene PKW-Nutzung: Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur belegt, dass ganze 24,6 Millionen der 30 Millionen pendelnden AutofahrerInnen ihren Arbeitsweg statt mit dem Auto beispielsweise auch mit dem E-Bike oder sogar mit dem Fahrrad zurücklegen könnten, da 82 Prozent der pendelnden Menschen einen Arbeitsweg von unter 25 Kilometern und jedeR Zweite sogar weniger als zehn Kilometer zur Arbeit fährt. Was also vielfach übrig bleibt, ist die eigene Bequemlichkeit

Alle Daumen runter

Freilich gibt es auch Fälle, in denen aus irgendwelchen Gründen auf ein Auto mit Verbrennungsmotor zurückgegriffen werden muss, aber auch dann braucht Vernunft nicht abgeschaltet sein: Warum muss Mensch 2 Tonnen Stahl, Glas und Kunststoff im SUV, Limousine oder Porsche bewegen, um 80 kg Mensch von A nach B zu fahren? Das möchte ich doch einmal sachlich erklärt bekommen! Ein solches Monstrum zu fahren kann vor dem Hintergrund der Klimarealitäten und gesundheitlichen Auswirkungen auf die Menschen der Umgebung weder Ausdruck eines »persönlichen Erfolges« noch »cool« sein, sondern ist vielmehr dissozialer Ausdruck infantilen Ungebildetseins und deshalb vollkommen uncool! Dies solltest du solchen Leuten auch eindeutig mit dem »Daumen runter« (oder einem Symbol deiner Wahl) signalisieren – und zwar jedes mal, wenn dir ein solch Ewiggestriger im öffentlichen Raum begegnet.

Verheerende Bilanz

Autofahrende müssen sich den Realitäten ihres Handelns stellen: All die bequemen, gleichgültigen Ignoranten, die nicht bereit sind, sich über nachhaltige Mobilität Gedanken zu machen und das Benutzen von Fahrrad, E-Bike, Bus- und Bahnen, das Bilden von Fahrgemeinschaften oder von mir aus auch den Umstieg auf ein Elektroauto ablehnen, penetrieren, schädigen und vergiften Kinder, Erwachsene (natürlich auch sich selbst) und die Umwelt mit Schwefeldioxid SO2, Kohlen(stoff)dioxid CO2 , Kohlen(stoff)monoxid CO, Stickoxide Nox, Benzol C6H6, Rußpartikel, Lärmemissionen. Es ist schier unglaublich, dass dies von dieser Gesellschaft als alternativlos akzeptiert wird!

Den urbanen Raum zurück erkämpfen – Vorbild Fahrradstadt Kiel?

Kiel soll nach dem Willen von Ulf Kämpfer Fahrradstadt Nummer 1 werden und mit verschiedenen Projekten (Velorouten, Campusräder, Kieler Bögen) wird zumindest scheinbar in Kiel stetig etwas für die Radfahrenden getan. All dies stellt in seiner Vielzahl allerdings nur kosmetischen Mumpitz dar. Wer öfter oder gar täglich vom Ostufer aufs Westufer oder umgekehrt unterwegs ist, kriegt (s)einen Horror auf Werft- und Schönberger Straße (hierzu habe ich bereits im letzten Jahr einen umfangreichen Artikel veröffentlicht). Aber auch im Innenstadtbereich finden wir den blanken Horror vor – insbesondere in den Hauptverkehrszeiten ist Radfahren auf den Fahrbahnen (und benutzungspflichtigen Radwegen) nicht selten ein Himmelfahrtskommando. Wie oft bin ich in der Herzog-Friedrich-Straße, Königsweg/Schülperbaum, rund um den Exerzierplatz »im Krieg« mit vollkommen überforderten KraftfahrzeuglenkerInnen, die sich in der Blechlawine gegenseitig blockieren.

Nein, Kiel ist in Sachen Fahrrad-Stadt nichts als ein Papiertiger, ein Maulheld. Wirklich entscheidende und progressive Projekte, wie beispielsweise den Umbau der Werft- und Schönberger Straße für eine schnelle Fahrt vom einen Stadtufer auf das andere oder das konsequente dichtmachen des gesamten Innenstadtbereichs für den Kraftfahrzeugverkehr, werden (vermutlich) nicht mal angedacht. Einige Städte haben dies trotz Riesen-Gejammers des Einzelhandels (die Jammern sowieso immer) durch gezogen – mit dem Ergebnis, dass die Innenstädte aufblühten, die Menschen sich in ihre Städte neu verliebten und auch der Einzelhandel kleinlaut zugeben musste, dass ihre ökonomischen Interessen gewahrt oder gar verbessert wurden. Und betrachten wir die anstehenden Fahrverbote aufgrund der regelmäßig überschrittenen Höchstwerte von Luftschadstoffen, setzt Kiel statt auf bewährte Methoden der Luftreinhaltung (weniger Verkehr, niedrigere Geschwindigkeiten) offenbar lieber auf unbewiesene Methoden wie Kohlendioxid-schluckende Fahrbahnbelege oder Mooswände. Wir werden nicht nur von Autokonzernen verarscht, die bewusst die Abgaswerte ihrer Scheiß-Karren manipulieren, sondern auch von den verantwortlichen in den Gremien und Parteien.

Aber auch der Zustand vieler Strecken ist in Kiel ein Graus. Viele benutzungspflichtige Radwege sind beispielsweise mit gefährlichen Revisionsdeckeln (mit zum Teil gefährlich herausragenden Kanten, an denen radelnder im stumpfen Winkel sich schön abpacken kann) übersät oder im Winter schlecht gestreut. Zwei Mal habe ich mich diesen Herbst/Winter bereits gehörig auf die Fresse gepackt – einmal im Ellerbeker Weg (keine Benutzungspflicht) und einmal auf der Klappbrücke, trotz sehr moderater Geschwindigkeit.

Fazit

Es bleibt uns nichts anderes übrig – wir müssen weiter Druck machen. Und zwar gehörig. Das heißt politisch und auch in der (direkten) Aktion, durch Präsenz! Betrachte ich meine eigenen Erlebnisse mit rücksichtslosen AutofahrerInnen, die lebensgefährlich für uns werden können, wird sicher noch so manches Teil durch die Gegend fliegen. Aber auch an einige radelnden GenossInnen möchte ich noch einen freundlichen Gruß senden – ich finde es ebenfalls nicht besonders lustig, in der Goethestraße mit unbeleuchteten Bikes zusammen zu knallen. Verdammt, so eine blinkende Klemmleuchte bekommt ihr für nen Euro im 1-Euro-Laden. Ach, und Jungs – bekloppte Rennen (wer ist der schnellste Radfahrer) bewerte ich ebenfalls eher als Kompensation für einen als zu klein wahrgenommenen, eigenen Pimmel. Lasst das mal und seid lieber cool.

Der Herbst vertieft den Sommer

115 FahrerInnen fuhren die Oktober Critical Mass in Kiel. Es war dunkel und es kam daher eine Menge LED mit ans Rad. Wie immer fuhren Jung und Alt um die zwei Stunden durch Kiel. Joachim informierte mich per E-Mail, das er auf dem Kieler Blog ›Kiel Aktuell‹ einen Artikel zur Mass verfasst hat, den ich hier gern erwähne und verlinke. Die beiden Bilder stammen von Frank – vielen Dank dafür!

Die nächste Mass ist am 24. November. Vi ses!

Und wenn du denkst, dümmer geht’s nicht, kommt eine Autobild daher

Verdiente Geste für die Autobild… Foto: http://cycling.claude.de/2017/10/06/auto-bild-hetzer/

»DIE RADFAHRER SPINNEN – Sie treten, spucken, pöbeln. Sie rasen ohne Helm und Licht. Sie klauen uns die Straße. Sind Radfahrer wichtiger als wir Autofahrer?«

»Erst hetzte BILD die Deutschen gegen die Flüchtlinge auf und jetzt Autofahrer gegen Radfahrer. Ohne Hass wären die schon lange Pleite«, schreibt jemand auf Twitter zu dem unverantwortlichen Schund, was das Springer-Haus da mal wieder unter die Leute gerotzt hat. Claude, von CyclingClaude, schreibt dazu einen gepfefferten Artikel, welchen ich einfachhaltshalber – selbstredend mit freundlicher Genehmigung von Claude selbst – (leicht verändert) übernehme:

»Von Seite 38 bis 45 – so wichtig ist Euch das Thema – wird pauschalisiert und gehetzt, dass es kracht. Aus Sicht der Autofahrer und der Fußgänger (seit wann sind die cool für Euch?) wird der Radfahrer nieder gemacht. U.a. von selbst ernannten Verkehrsexperten. Natürlich gibt es Spackos unter den Radfahrern; unbenommen. Ihr stellt es aber so dar, als wenn das was Ihr schreibt nicht nur an der Tagesordnung wäre, sondern von den allermeisten Radfahrern so gelebt würde. Damit macht Ihr Radfahrer zum Freiwild auf der Straße!

Ihr kennt sicher den Durchschnitts-IQ Eurer Leser. Was glaubt Ihr, passiert nach dem Lesen Eures Schundartikels? Der motorisierte Mob fühlt sich im Recht, noch mehr im Recht als sonst. Der motorisierte Mob hupt, schneidet und spielt noch mehr den Oberlehrer bzw. Verkehrserzieher. Blöd nur, dass die selbsternannten Oberlehrer die Verkehrsregeln meist weniger kennen als der Papst ’nen Puff von innen. Aber egal. Mit Eurem Artikel haben sie nun einen Freibrief. Den werden sie ziehen. Der reicht als Legitimation.

Wie viele Radfahrer werden nun zusätzlich vom motorisierten Mob umgenietet, nur weil Ihr ihn aufgegeilt habt? Da hilft auch nicht die Seite 42, wo der radfahrende Auto-Bild-Redakteur Frank Rosin devot erzählt, wie er sich aus allem raus hält, weil er immer freundlich, zurückhaltend und vorausschauend Fahrrad fährt. Die Seite liest der gemeine Auto-Bild-Leser sowieso nicht. Dafür sorgt schon die fette Überschrift, die 1/3 der Seite einnimmt: „DAS MACHT DEN RADFAHRER WÜTEND!“

Was sollte Eure Leser auch interessieren, was den Radfahrer wütend macht? Deshalb hat sich Herr Rosin dann auch gar nicht die Mühe gemacht zu schreiben, was den Radfahrer wütend macht. Stattdessen schreibt er vom Stress auf der Straße, den sich Autofahrer gegenseitig machen, mit dem er jedoch als zurückhaltend devoter Radfahrer nichts zu tun hat. Danke, Herr Rosin. Gut gemacht. In der Redaktionssitzung einen Auftrag bekommen, die Hacken zusammen geschlagen und brav geliefert. Die Kollegen der Bike-Bild schämen sich heftigst fremd, vermute ich.

Unglaublich, liebe Leser, was im Artikel steht. Bspw. wird der „renommierte Publizist“ Harald Martenstein zitiert, der „in Berlin selbst gern auf dem Rad unterwegs“ ist, und deshalb anscheinend automatisch eine gewisse Qualifikation besitzt, seinen Senf als Experte dazu zu geben: „Fahrradfahrer sind eine Wespenplage – sie werden regelrecht wild, wenn man ihre Kreise stört.“ Auf die Palme bringt mich die folgende Passage: „Kein Vegetarier würde vor einem Steakhouse wutentbrannt mit Bananen auf Gäste werfen. Warum also hämmern einem Fahrradfahrer bei voller Fahrt aufs Autodach, während man sie überholt?“

Hauke Schrieber – so der Verfasser der Hetze – scheint gar nicht kapiert zu haben, was er da schreibt. Erstens würde ein Fahrradfahrer keinem Auto aufs Dach hauen, das einen bei voller Fahrt überholt. So bescheuert ist niemand; einfach zu gefährlich. Zweitens aber, lieber Herr Hauke Schrieber, wenn ein Auto so überholt, dass man mit Armlänge aufs Dach kommt, dann hat das Auto viel zu dicht überholt. Reflektieren Sie das bitte mal.

Stattdessen mein Rat, liebe Leser: Nicht kaufen, aber nehmt das Schundblatt beim nächsten Supermarktbesuch einfach mal in die Hand und riskiert ein Auge. Aber Vorsicht! Bitte nicht vor’s Zeitschriftenregal kotzen. Das kann nämlich schnell passieren.«

Den gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht noch Claudes #drecksblattverstecken – mach‘ mit – Aktion zu erwähnen…

Wir dürfen das

Alltag für RadfahrerInnen. Der motorisierte Verkehr nimmt sich einfach das Recht andere zu gefährden. Bildquelle: www.bitte-freimachen.de

RadfahrerInnen und FußgängerInnen werden – vor allem in den Städten – tagein tagaus mit parkenden Autos auf Ihren Wegen konfrontiert. Zugestellte Straßeneinmündungen sowie zugeparkte Radfahrstreifen und Radwege prägen das Bild im Straßenverkehr. Unzufriedenheit und Frust bei den betroffenen RadfahrerInnen und FußgängerInnen ist die Folge. Dies sind die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklimatests.

Dürfen die das? Nein, ihr dürft das nicht! Und diese Feststellung bezieht ihr Gewicht nicht in erster Linie aus den Paragraphen der StVO, sondern aus den grundlegenden Normen des sozialen Verhaltens gegenüber Mitmenschen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Niedersachsen und die Landesverkehrswacht haben daher die Aktion ›Bitte Freimachen‹ ins Leben gerufen. Mit Flyern im Postkartenformat sollen FalschparkerInnen auf Ihr Fehlverhalten hingewiesen werden. Laut ADFC werde dabei auf eine Belehrung mit dem erhobenen Zeigefinger bewusst verzichtet und ein positiver und aufklärender Hinweis soll für mehr Rücksicht und mehr verständnisvolles Miteinander im Straßenverkehr werben.

Daniel schreibt in seinem bekannten Blog dazu:

»Die Aktion ist durchaus gut gemeint und gibt Radfahrern wenigstens ein klitzkleines Mittel gegen Falschparker in die Hand. Und trotzdem zeugt sie von einer gewissen Hilflosigkeit und überdeckt das eigentliche Problem: Städte kommen ihren Pflichten bei der Verkehrsüberwachung nicht nach. Sie sind es nämlich, die Falschparker konsequent sanktionieren müssten. Postkarten werden bei den typischen »Nur mal kurz…«-Radwegparkern kein Verhalten ändern. Die fast lächerlich geringen deutschen Bußgelder allerdings auch nicht. Das wäre dann ein zweites eigentliches Problem. Geringe Kontrolldichte + niedrige Bußgelder = Falschparkerparadies Deutschland.«

Hier kann ich Daniel nur eines – nämlich zustimmen. Keine Frage, es gibt eine Menge Autofahrende, welche überlegt und sicherheitsbewusst ihre 1,5 Tonnen Stahl durch den Verkehr bewegen, durch den wir uns ohne Knautschzone durchackern. JedeR von uns macht jeden Tag hier oder dort solcherlei positive und erfreuliche Erfahrungen. Aber leider macht eben auch jedeR von uns Erfahrungen, die absolut gegensätzlich, nicht nur antisozial, sondern schlichtweg gefährdend, manchmal sogar lebensbedrohlich für uns bikende oder zu-Fuss-gehende sind. Wie lange noch?

Fazit

Es bleibt dabei: Wenn wir Radfahrende uns sicherer durch den urbanen Raum bewegen wollen, bedeutet dies fraglos, dass wir uns konsequent und mit Nachdruck für unsere Rechte (und Sicherheit) selbst stark machen müssen! Wie wir dabei erfolgreich vorgehen, habe ich hier beschrieben und wie so etwas dann konkret aussehen kann, kannst du hier lesen. Richtig, das erfordert sicherlich von dir ein bisschen »Arsch in der Hose«, aber es ist zum einen kein Hexenwerk und zum anderen lohnt es sich. Außerdem geht das Procedere von mal zu mal flotter von der Hand.

Letztlich muss uns allen klar sein, dass wir lernresistente Autofahrende nachhaltig nur erreichen, wenn Ordnungsämter und Polizei Hand in Hand über einen längeren Zeitraum konsequent gegen Radweg- und Falschparker vorgingen und zeigen, dass dieses Verhalten nicht geduldet wird. Dies gepaart mit empfindlicheren Strafen, würden das Problem in Windeseile beseitigen. Helfen wir dabei. Ich wünsche gute Jagd!

Welch Augenweide… Bye, bye, Assi!

Viel los im September

Leider konnte ich aufgrund Krankheit erneut nicht teilnehmen (Grrrr), aber die September-Zahlen sollten stimmen: Rund 240 Fahrerinnen und Fahrer fuhren die September Mass in Kiel. Das Wetter war hervorragend, wenn gleich es bereits zum Start um 19 Uhr dämmerte.

Ein besonderer Spaßvogel wurde diesmal in der Menge gesichtet – ein Typ mit nem Tranportfahrrad und einem Schild, auf dem geschrieben stand: »Critical Mass ist Nötigung«. Nun, so was buchen wir mal schmunzelnd unter »gesundem Volksempfinden« ab, denn natürlich ist die Critical Mass legal. Aber die Idee ist gar nicht mal so unwitzig und könnte uns dazu veranlassen, beim nächsten Mal auch Schilder zu tragen (obwohl die CM dann ja fast wie eine Demo aussehen könnte, was die CM ja bekanntlich nicht ist), auf denen beispielsweise geschrieben steht: »Autoabgase sind Nötigung« oder »Autostaus sind Nötigung« oder »KurzstreckenautofahrerInnen sind Nötigung« etc. Da fällt mensch ja eine Menge zu ein. Nun, wie auch immer – hier noch drei weitere Bilder mit Dank an Frank und an Lukas für die letzten fünf Bilder!

Eines der besagten Schilder, welches für verbreitetes Kopfschütteln sorgte.

Die nächste Fahrt ist am 27. Oktober! Vi ses!

Kiel: Döner jetzt 300 Euro

Radweg blockiert – Radelnde müssen in den fließenden Verkehr auf der Fahrbahn ausweichen. Gefährdung im Straßenverkehr!

Die Döner sind aber auch nur in Kiel dann so teuer, wenn Autofahrende meint, rücksichtstlos auf dem Radweg zu parken und ausgerechnet dann ein Radelnder mit »Arsch in der Hose« vorbei kommt und 110 anruft. Gut gemacht!

Mein Artikel über die Radweg-ParkerInnen und unsere Antwort darauf hat offenbar auch andere motiviert. Das ist fein. Folgende Nachricht bekam ich vorhin per Jabber/XMPP von einem engagierten Critical-Mass-Fahrenden:

»Naja, sie auf dem Radweg und ging in den Dönerladen. Ich also 110 angerufen, Typ an der Leitstelle super freundlich, meinte sofort „Jo, gerade Streife in der Nähe ich schick die mal, wir Radfahrer müssen ja zusammenhalten“. Streife kam innerhalb von 2-3 Minuten, beide Recht jung und motiviert, der eine sofort wieder zum Auto, Abschleppwagen rufen. Die Olle [Fahrerin] im Dönerladen bekommt nichts mit. Abschleppwagen auch innerhalb kürzester Zeit da, steht dann daneben, schon am Kran ausschwenken, kommt sie raus. Zetern beginnt. Dann, verschmitzt „Naja, kann ja nicht so teuer sein. Muss ja jetzt nicht abgeschleppt werden.“ Polizist grinst „Stimmt. Nennt sich jetzt verhinderte Umsetzung. 300€ kostet das.“ Ihre Kinnlade war dann auch erst mal unten. Naja, und ich steh daneben, irgendwann bekommt sie mit, dass ich wohl die Polizei gerufen habe, guckt mich ganz böse an. Ich grinse also freundlich zurück. Polizei und Abschleppdienst ziehen von dannen, sie steigt in ihre Blechbüchse und guckt mich an als ob sie mich überfahren will.«

An alle: Ich bitte um weitere Zuschriften. Lasst uns unsere Fahrwege sicherer machen! Jetzt! Kein Pardon mehr für Rücksichtslosigkeit! Ach, und ein Danke schön an die Beamten der Kieler Polizei.

 

Radweg? Halteverbot? Egal!

RadfahrerInnen müssen wegen falschparkenden Fahrzeugen immer wieder in den viel schnelleren und zudem viel schwereren Kraftfahrzeugverkehr einfädeln. Das ist kein Kavaliersdelikt, das ist eine Gefährdung, welche den Regelfall für eine Umsetzung (Abschleppen) darstellt. Also sofort 110 anrufen!

Warnblinker an und rauf auf den Radstreifen oder Radweg. Es reicht – zugeparkte Radwege (und Fußwege) gefährden die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Es kommt immer wieder zu schweren Unfällen, weil Mensch auf dem Fahrrad sich wegen eines eben mal kurz (illegal) haltenden Autos zwischen rasende Metallmaschinen werfen muss. Es ist Zeit, zurück zu schlagen und unsere Rechte einzufordern!

Eine Ermunterung zum Mitmachen

Die Lösung ist dabei ganz einfach. Sie lautet: RadwegparkerInnen konsequent umsetzen lassen! Denn das wird teuer für den Halter oder Halterin und das ist (offenbar) die einzige Sprache, die von solchen Menschen verstanden wird.

Andreas Schwiede aus Berlin hat es dem ganzen Lande mit seinen beachtlichen Erfolgen in Berlin vorgemacht und in immer mehr Städten beginnen Radfahrende und FußgängerInnen sich gegen das rücksichtslose, vor allem aber das gefährliche Verhalten von Autofahrenden zu wehren. Höchste Zeit, dies in Kiel endlich auch mal flächendeckend zu tun – wir sind schließlich zahlreich. Je mehr Meldungen wir generieren, um so genervter ist die Polizei und ich garantiere (aus eigenen Erfahrungen), dass dann in Zukunft Maßnahmen im Vorab erfolgen, statt weg zu sehen.

Anleitung zum Handeln

Wie aber geht radelnder Mensch am besten vor, wenn dieseR auf ein solches Fahrzeug stößt? Den Spiegel abtreten? So etwas würden wir ja nie tun. Besser ist es, die verantwortlichen Ordnungskräfte zum Handeln aufzufordern. Andreas Schwiede hat diesbezüglich eine Anleitung online gestellt, die ich folgend etwas überarbeitet habe. Also Leute, bitte mitmachen – so geht’s:

Erstens: 110 anrufen (Leitstelle der Polizei): Mit dem eigenen Namen melden und sagen, dass du eine Verkehrsbehinderung melden willst.

  • Genauen Ort mit Stadtteil, Straße, Hausnummer/Kreuzung nennen.
  • Nicht sagen, dass du einen Falschparker melden willst! Du meldest eine Verkehrsbehinderung bzw. Verkehrsgefährdung!
  • Lasse keine Möglichkeit zum Missverstehen des Ortes zu!
  • Entweder vor Ort bleiben (besser) oder – falls nicht möglich – weiterfahren. 110 hat die Telefonnummer automatisch, Streife ruft dann zurück.
  • Wenn 110 auf App oder Online-Meldung der Ordnungsämter verweist, freundlich darauf hinweisen, dass diese Meldungen von den Ordnungsämtern nicht schnell genug bearbeitet werden. Und da Radfahrerende konkret behindert und gefährdet werden, muss sich jemand so schnell wie möglich vor Ort kümmern.
  • Wenn 110 versucht auf „Verkehrsordnungswidrigkeit“ herunterzustufen, entgegnen: „Nein, eine Behinderung, sogar Gefährdung! Regelfall liegt vor!“ (siehe Info ganz unten)

Zweitens: Eintreffen von Ordnungsamt oder Polizeistreife.

  • Bestenfalls: Streife kommt, holt orangefarbenen oder roten Block heraus, fragt über Funk das Kennzeichen ab und fängt an, aufzuschreiben. Dann kommt gleich der Abschleppwagen. Wenn der Fahrer vorher auftaucht, kommt es zu einer teuren „vermiedenen Umsetzung“.
  • Deine Personalien werden als Zeuge notiert (keine Angst, das hat keine Folgen für dich).

Was tun, wenn sich die Ordnungshüter verweigern?

Es kommt mitunter vor, dass die Polizei oder das Ordnungsamt versucht, die entsprechenden Maßnahmen zur Beseitigung der Gefährdung (Umsetzung) abzuwimmeln. Oder die Polizei auch mal gerne behauptet, dass für den ruhenden Verkehr die Ordnungsämter zuständig seien, was im Fall zugeparkter Radwege jedoch falsch ist, denn ein zugeparkter Radweg stellt eine Verkehrsgefährdung dar, deren Beseitigung tatsächlich in der Zuständigkeit der Polizei liegt. Wenn dies passiert, keine Panik – ruhig bleiben, es gibt kein Entkommen!

Folgend einige Argumentationshilfen:

Polizei: „Wir sind nicht für Falschparker zuständig, das ist Sache des Ordnungsamts.“
Antwort: „Sie sind zuständig, da das Ordnungsamt offensichtlich nicht verfügbar ist (sonst wäre es gekommen).

Polizei: „Das ist unverhältnismäßig, ich habe einen Ermessensspielraum.“
Antwort: Dies ist der Regelfall (wichtiges Stichwort, siehe Info ganz unten!!) für eine Umsetzung! Bitte beseitigen Sie die Verkehrsbehinderung.“

Polizei: holt grünen Block heraus, um Strafzettel zu schreiben oder sagt „Gut, dann schreiben wir eine Anzeige, wir müssen immer das mildeste Mittel wählen.“
Antwort: „Bitte beseitigen Sie die Verkehrsbehinderung! Das mildeste Mittel muss dazu ebenfalls geeignet sein (laut Allgemeinem Sicherheits- und Ordnungsgesetz, ASOG) – es muss also die Verkehrsbehinderung wirklich beseitigt werden – und das tut ein Strafzettel definitiv nicht!“ Vor einer  Umsetzung kommt als ›milderes Mittel‹ nur in Frage, dass man den Fahrer oder die Fahrerin ausfindig machen kann und dieseR das Fahrzeug selber entfernt (was aber ebenfalls nicht umsonst ist – Stichwort vermiedene Umsetzung).

Polizei: „Sie können doch vorbeifahren.“
Antwort: „VerkehrsteilnehmerInnen werden durch dieses Fahrzeug gefährdet. Beim Vorbeifahren müssen 1,5 m Sicherheitsabstand möglich sein (etliche Urteile) und zwar zu allen Seiten“.

Geht nicht, gibt’s nicht!

Manchmal weigern sich Beamte dennoch partout entsprechend zu handeln (meistens sind das notorische Autofreunde, welche – wer weiß das schon – vielleicht selbst gern mal so ihr Fahrzeug abstellen). Dann lasse dir als erstes von dem oder der BeamtenIn die Dienstkarte aushändigen (darauf steht die Dienstnummer). Anschließend rufe die Polizeidirektion an (0431 160-0) und verlange die Wachleitung. Das Gespräch verläuft dann in etwa so:

„Spreche ich mit dem Wachleiter/der Wachleiterin?“ (Erst versichern, ob du richtig verbunden bist, möglichst den Namen aufschreiben). Der Wachleitung mitteilen, dass eine Funkstreife vor Ort ist (wichtiger Hinweis, dass es dringend ist). Dann den Sachverhalt kurz erläutern, und unbedingt ansprechen, dass ein Regelfall für die Umsetzung laut Geschäftsanweisung der Polizei vorliegt und die Beamten vor Ort sich weigern, entsprechend zu handeln. Darum bitten, dass der Wachleiter oder die Wachleiterin die Beamten anruft und auffordert, gemäß der Geschäftsanweisung die Behinderung zu beseitigen!

Bestenfalls klappt es jetzt. Falls es nicht klappt: Alles aufschreiben und gern an mich schicken, damit es gesammelt, veröffentlicht und entsprechende Gespräche etc. mit den Vorgesetzten der Wachleiter geführt werden können.

Meine Vorgespräche mit dem Kieler Ordnungsamt

Bereits am 5. Juli habe ich mit Herrn Wille vom Ordnungsamt Kiel, als zuständigen Abteilungsleiter, über dieses Thema telefonisch gesprochen. Ich wollte mich mit ihm, vor der Veröffentlichung dieses Artikels, auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Das Gespräch war freundlich und offen und seiner Aussage nach, liegt ihm diese Angelegenheit auch sehr am Herzen. Er bat mich allerdings, den Sachverhalt noch einmal schriftlich über die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Kiel einzureichen, welche dann diese Mail an ihn als zuständigen Sachbearbeiter zukommen ließe und er auf diese dann offiziell antworten könne (Dienstweg). Eine Antwort sollte innerhalb weniger Tage erfolgen.

Die Tatsache, dass bis heute keine Antwort erfolgte, ist ein Fingerzeig darauf, dass auch das Kieler Ordnungsamt nicht sehr motiviert zu sein scheint, solcherlei Verstöße zu ahnden. Das ist sehr bedauerlich, denn von falschparkenden Fahrzeugen geht regelmäßig eine negative Vorbildwirkung aus – andere werden animiert, ebenso zu parken. Andersherum spräche sich ein konsequentes Abschleppen herum – wenn an einer Stelle regelmäßig abgeschleppt würde, merken sich das AutofahrerInnen. Strafloses Falschparken macht Autofahren attraktiver als es wirklich ist – wer davon ausgeht, immer in zweiter Reihe vor der Haustür, Eisdiele, Pommesbude parken zu können, fährt öfter Auto als angemessen.

Vielleicht kommt ja doch noch eine Antwort und eine gemeinsame Strategie zustande. Bis dahin rufe ich alle auf, mich bei der „Sichermachung“ unserer Wege zu unterstützen! Fragen dazu beantworte ich sehr gern per E-Mail (siehe Kontakt-Seite) oder stimme mich mit dir/euch ab.

Zweimal an einem Tag gesehen. Hier habe ich mal eben angehalten und Fotografiert. Tolle Leistung und Vorbildfunktion, Kieler Polizei…
Super oder? Hier müssen wir sogar noch in eine Kurve einfahren, was unsere Sichtbarkeit auf der Fahrbahn durch die Krümmung der Kurve zusätzlich verschlechtert – von den von hinten kommenden Fahrzeugen werden wir noch später wahrgenommen.
Diese Galerie ist beliebig erweiterbar….

 

Urteile für Regelfall für Umsetzung (Abschleppen) Radweg
Ist ein Radweg zugeparkt, MUSS die Polizei umsetzten lassen. Da ist nix mehr mit Ermessensspielraum. Weigert sich der/die BeamtIn dennoch, hat dies im Fall einer Beschwerde Konsequenzen für diese/n. Also, nicht nachgeben – Umsetzung einfordern!

OVG Münster (Beschluss vom 15.04.2011 – 5 A 954/10):

Das Abschleppen verbotswidrig abgestellter Fahrzeuge ist im Fall der Behinderung von anderen Verkehrsteilnehmern regelmäßig geboten. Entsprechendes gilt im Fall eines nicht nur unerheblichen Hineinragens eines Fahrzeugs in einen Radweg. Radfahrer müssen grundsätzlich nicht damit rechnen, dass der Radweg auch nur teilweise blockiert ist. Eine Behinderung liegt insbesondere vor, wenn der benutzungspflichtiger Radweg zu einem Drittel blockiert ist.

VG Düsseldorf (Urteil vom 29.11.2016 – 14 K 6395/16):

Ein seiner baulichen Gestaltung nach eindeutig für die Benutzung durch Radfahrer bestimmter Straßenteil ist auch ohne Kennzeichnung durch Zeichen 237 ein Radweg. – Ein parkendes Kfz darf [also auch hier] gebührenpflichtig abgeschleppt werden. Dies gilt im Regelfall auch dann, wenn der Zweck des Abschleppens allein in der Beseitigung des in einem verbotswidrigen Parken liegenden Rechtsverstoßes gelegen hat, ohne dass eine konkrete Verkehrsbehinderung vorgelegen haben muss.

⇒ Service: Dieser Text als pdf-Dokument für die Hosentasche 😉